Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Samt-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 249 
herzens mit seinen gewöhnlichen Beweggründen, seinem Mißtrauen 
nnd seiner Auflehnung und seinen Schwächen, an Stelle des Menschen 
geistes mit seiner Gleichgültigkeit, seiner Unwissenheit und seinen 
Irrttimern muß man ein Herz und einen Geist von idealer Voll 
kommenheit setzen, die beide nur sehr entfernt mit dem Herzen 
und dem Geiste verwandt sind, die wir kennen. Der Gedanke der 
Saint-Simonisten, daß ein gemeinsamer, religiöser Glaube unerläßlich 
sei, um eine derartige Ordnung aufrecht zu erhalten, beweist (viel 
leicht ohne ihre Absicht), daß sie einen bedeutend größeren Scharf 
sinn besaßen als viele ihrer verachtungsvollsten Kritiker. 
Es ist wichtiger hier festzustellen, daß das Saint-Simonistische 
System das Vorbild all der kollektivistischen Zukunftsbilder ist, die 
im Laufe des 19. Jahrhunderts aufeinander folgen. Es stellt ein reifes 
und vollständiges System dar. Es beruht auf einer eingehenden 
Kritik des Privateigentums und unterscheidet sich in allen seinen 
Zügen von den vorhergehenden Gleichheitsutopien. Die einzige Gleich 
heit, die die Saint-Simonisten verlangen, ist die, welche die Eng 
länder „equality of opportunity“ (Gleichheit der Aussichten) nennen, 
Gleichheit der Chancen oder Gleichheit der Ausgangspunkte. Darüber 
hinaus gibt es nur Ungleichheit, und zwar gerade im Interesse der 
sozialen Produktion. Die Regel der Neuen Gesellschaft ist; Jedem 
nach seinen Fähigkeiten, jeder Fähigkeit nach ihrer 
Leistung 1 ). 
In einigen prägnanten Formeln haben sie selbst ihr ganzes 
Programm zum Ausdruck gebracht, nämlich in einem Briefe, den sie 
1830 an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses sandten 2 ). Dieser 
Brief verdient hier zitiert zu werden; 
„Die Saint-Simonisten verwerfen das System der Gütergemein 
schaft, denn diese Gemeinschaft würde eine offenbare Verletzung des 
ersten aller Moralgesetze sein, die zu lehren sie beauftragt sind, 
eines Gesetzes, demzufolge in Zukunft die Stellung eines jeden 
sich nach seinen Fähigkeiten und sein Lohn sich nach 
seinen Leistungen richten. 
„Aber auf Grund dieses Gesetzes verlangen sie die Abschaffung 
aller Geburtsprivilegien ohne Ausnahme und folglich auch die des 
*) In der dritten Ausgabe der Doctrine findet sich eine etwas abweichende 
Kormel und zwar auf der dritten Seite: „Ein Jeder,“ wird dort gesagt, „soll nach 
seinen Diensten <versorgt> und nach seinen Werken entlohnt werden.“ Hier 
sieht man besser, wie der erste Teil der Formel die Verteilung der Kapitalien, 
der Arbeitsmittel, und der zweite die Verteilung der individuellen Einkommen 
lm Auge hat. — An anderer Stelle findet man noch das Wort „eingereiht“ (classe) 
anstatt „versorgt“ (dote), z. ß. in der 2. Ausg. S. 183. 
2 ) Als Anhang zur 2. Ausg. der Doctrine de Saint-Simon, Exposition, 
L Jahrg., 1829.
	        
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