Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  255

§  3.  Die  Bedeutung  des  Saint-Simonismus  in  der
Geschichte  der  Doktrinen.
Bei  den  Saint-Simonisten  vermischen  sich  Utopien  und  Realismus
in  einer  merkwürdigen  Weise.  Ihr  Sozialismus,  der  nichts  Volkstümliches ­
  an  sich  hat  und  sich  hauptsächlich  an  die  gebildeten
Klassen  wendet,  beruht  nicht  auf  der  Kenntnis  des  Lebens  der
Arbeiter,  sondern  auf  der  Beobachtung  und  einem  sehr  richtigen
Gefühl  für  die  großen  wirtschaftlichen  Strömungen  ihrer  Zeit.
Sobald  die  Schule  aufgelöst  war,  sieht  man  die  hervorragendsten
Saint-Simonisten  einen  tätigen  Anteil  an  der  wirtschaftlichen  Verwaltung ­
  Frankreichs  nehmen  und  sich  an  allen  finanziellen  oder
industriellen  Unternehmungen  beteiligen.  Die  Gebrüder  Peeeiee
gründen  1863  den  Credit  Mobilier,  das  Vorbild  der  großen  heutigen
Finanzgesellschaften.  Enfantin  nimmt  an  der  Gründung  der  Linie
B.  L.  M.  (Paris—Lyon—Mediterranee),  die  aus  der  Fusion  der
Linien  Paris—Lyon,  Lyon—Avignon,  Avignon—Marseille  entstand,
tätigen  Anteil;  als  erster  bildete  er  eine  Gesellschaft  für  den  Durchstich ­
  des  Isthmus  von  Suez.  Michel  Chevaliee  verteidigte  am
College  de  France  die  Initiative  des  Staates  bei  den  großen  öffentlichen ­
  Arbeiten  und  führte  die  Verhandlungen  betreffs  des  Vertrages
■von  1860  mit  England,  der  für  Frankreich  die  Ara  der  Handelsfreiheit ­
  eröffnete.  Man  könnte  noch  viele  andere  Beispiele  anführen
für  die  bedeutende  Rolle,  die  sie  in  der  wirtschaftlichen  Geschichte
des  19.  Jahrhunderts  gespielt  haben  x ).
Im  besonderen  haben  sie  den  enormen  Einfluß,  den  die  großen
Banken  und  die  zentralisierten  Unternehmungen  in  unserem  modernen
Stelle  sagt  er:  „Die  Philosophie  hat  die  bedeutendsten  politischen  Einrichtungen
geschaffen;  sie  allein  besitzt  genügende  Macht,  um  den  Einfluß  veralteter  Einrichtungen ­
  zu  brechen  und  neue  zu  bilden,  die  sich  auf  eine  vervollkommnete  Lehre
gründen“  (Sys.  in  du  st.,  (Buvres,  V,  S.  167).  Er  legt  besonderes  Gewicht  auf
die  Kölle,  die  die  Philanthropen  in  der  Schaffung  der  neuen  Gesellschaft  spielen
sollen.  Die  Wahrheit,  „die  sich  durch  das  Vorwärtsschreiten  der  Zivilisation  ergeben
tut,  ist,  daß  die  leidenschaftliche  Hingabe  an  das  öffentliche  Wohl  weit  wirksamer
üt,  um  politische  Verbesserungen  durchzuführen,  als  der  Egoismus  der  Klassen,  die
von  diesen  Veränderungen  am  meisten  zu  gewinnen  haben.  Mit  einem  Wort,  die
Erfahrung  hat  erwiesen,  daß  die,  die  am  höchsten  an  der  Einführung  eines  neuen
Zustands  der  Dinge  interessiert  sind,  nicht  unter  denen  gesucht  werden  dürfen,  die
um  eifrigsten  daran  arbeiten,  sie  herbeizuführen“  (CEuvres,  VI,  S.  120).  —  Ein
schärferer  Gegensatz  zu  den  Ideen  Marx’  ist  kaum  denkbar,  besonders  gegenüber
dfi r  bekannten  Formel:  „Die  Emanzipation  der  Arbeiterklasse  wird  das  Werk  der
Arbeiterklasse  selbst  sein.“
')  Vergl.  hierüber:  Weil,  L’Bcole  Saint-Simonniene  (1896)  und  Charlety,
  Histoire  du  Saint-Simonisme  (1896).
            
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