Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

306

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Kolonien  zu  gründen,  um  ihren  auswärtigen  Handel  aufrecht  zu  erhalten ­
  und  ihren  Einfluß  zu  erweitern.  Nur  auf  dieser  Stufe  kan»
sie  eine  große  Bevölkerung  ernähren  und  dadurch  die  vollständige
Entwicklung  der  Wissenschaften  und  Künste,  die  Unabhängigkeit
und  die  Macht  des  Landes  sicher  stellen.  „Die  Idee  von  Independenz
und  Macht  entsteht  mit  dem  Begriff  der  Nation“  H.  Allerdings
können  nicht  alle  Nationen  zu  dieser  vollständigen  Entwicklung
gelangen.  Sie  setzt  voraus  ein  großes  Gebiet,  das  zahlreiche  natürliche ­
  Hilfsquellen  besitzt,  und  ein  gemäßigtes  Klima,  das  die  Entwicklung ­
  der  Manufaktur  gestattet 2 ).  Wenn  aber  alle  diese  Bedingungen ­
  gegeben  sind,  ist  es  die  Aufgabe  der  Nation,  mit  allen
ihren  Kräften  diesem  Zustand  zuzustreben.  Deutschland  besitzt  sie
nun  im  höchsten  Grade,  und  es  hängt  nur  von  ihm  ab,  sein  Gebiet
noch  zu  erweitern.  List  verlangt  für  Deutschland  Holland  und
Dänemark,  die  nach  seiner  Ansicht  dazu  kommen  werden,  „ihre  Einverleibung ­
  in  eine  größere  Nationalität  als  wünschenswert  und  notwendig ­
  zu  betrachten“,  und  die  er  gern  aus  freien  Stücken  in  dem
deutschen  Bund  eintreten  sehen  möchte 3 ).
So  ist  für  ihn  der  Zweck  der  Handelspolitik  nicht  mehr,  wie
für  Smith,  einfach  die  Bereicherung  der  Nation.  Sie  soll  einem  vielfältigeren ­
  Ideal  dienen,  das  zur  gleichen  Zeit  historisch  und  politisch
ist.  Dieses  Ideal  verlangt,  als  grundlegende  Notwendigkeit,  die
Gründung  von  industriellen  Unternehmungen.
b)  Diese  Notwendigkeit  erscheint  auch  noch  unter  einem  anderen
Gesichtspunkt.  Der  Reichtum  eines  Landes  läßt  sich  nicht  nur  im
gegenwärtigen  Augenblick  beurteilen.  Es  genügt  nicht,  daß  die
Arbeit  und  die  Sparsamkeit  seiner  Bewohner  ihm  heute  eine  große
Menge  von  tauschbaren  Werten  sichern.  Es  ist  außerdem  noch  notwendig, ­
  daß  die  Quellen  der  Arbeit  und  der  Sparsamkeit  geschützt
und  die  Entwicklung  dieser  Tugenden  in  der  Zukunft  sichergestellt ­
  werden;  denn  „die  Kraft,  Eeichtümer  zu  schaffen,  ist  ...  un-*)

  S.  264,  Cotta.  Ausg.  1841.  Übrigens  vergißt  auch  Smith  den  Gedanken  der
nationalen  Macht  nicht,  wie  überzeugend  aus  der  folgenden  Stelle  hervorgeht.  „Der
Reichtum  und,  sofern  Macht  vom  Reichtum  abhängt,  die  Macht  eines  jeden  Landes
richtet  sich  immer  nach  dem  Wert  des  jährlichen  Produktes  Nun  ist  es
aber  der  große  Zweck  der  politischen  Ökonomie  jedes  Landes,  den
Reichtum  und  die  Macht  dieses  Landes  zu  vermehren.“  (Völkerreichtum,
  Bd.  I,  S.  219,  Bd.  II,  Kap.  V).
2 )  Über  die  industriellen  Aussichten  der  gemäßigten,  und  die  landwirtschaftlichen ­
  der  heißen  Zone  siehe:  Nat.  Syst.  Buch  II;  Kap.  XV.  d.  Cotta.  Ausg.  1841.
8 )  Die  deutsche  Nationalität  wird  damit  zugleich  erlangen,  was  ihr  zurzeit,
noch  fehlt,  nämlich  Fischereien  und  Seemacht,  Seehandel  und  Kolonien.  (Nat.  Syst.
S.  259,  Cotta.  Ausg.  1841).  Wie  man  sieht,  vereint  List  ohne  Mühe  patriotischen-Idealismus
  und  positivste  Anschauungen.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.