Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

nicht,  daß  die  natürliche  Ordnung  in  den  menschlichen  Gemeinwesen
tatsächlich  so  verwirklicht  sei,  wie  sie  es  im  Bienenstöcke  oder  im
Ameisenhaufen  ist:  diese  stellen  geordnete  Gemeinwesen  vor,  während
die  menschlichen  Gesellschaften  in  ihrem  gegenwärtigen  Zustande
ungeordnet  sind,  weil  die  Menschen,  im  Gegensatz  zu  den  unfreien
Tieren,  freie  Wesen  sind.
Was  ist  aber  zuletzt  die  natürliche  Ordnung?  Sie  ist  die  von
Gott  für  das  Glück  der  Menschen  gewollte  Ordnung,  die  Ordnung
/  der  Vorsehung 1 ).  Um  sie  zu  erkennen,  muß  man  sie  zuerst
lernen,  und  nachdem  man  sie  erkannt  hat,  muß  man  lernen,  sie  zu
befolgen.
Wie  aber  lernen?  Wie  sie  erkennen?  Das  Zeichen,  an  dem
man  die  natürliche  Ordnung  erkennt,  ist  der  „Augenschein“,  die
„Evidenz“.  Die  Physiokraten  gefallen  sich  geradezu  darin,  dieses
Wort  in  ihren  Schriften  beständig  zu  wiederholen 2 ).  Diese  augenscheinlichen ­
  Tatsachen  müssen  aber  doch  immerhin  erst  bemerkt
werden,  —  auch  das  schärfste  Licht  braucht  ein  Auge,  um  gesehen
zu  werden,  —  welches  Organ  kommt  nun  hier  in  Frage  ?  Der
Instinkt?  Das  Gewissen?  Die  Vernunft?  Wird  uns  die  Stimme
Gottes,  wie  durch  eine  übernatürliche  Offenbarung,  sagen,  wo  die
Wahrheit  ist?  Oder  wird  uns  die  Stimme  der  Natur  den  rechten
Weg  weisen?  Die  Physiokraten  haben  sicli  anscheinend  nicht  um
diese  Frage  gekümmert  (obschon  diese  Stimmen  sich  doch  widersprechen
können),  denn  sie  geben  uns  unterschiedslos  alle  diese  Antworten.
Mbbcibe  de  la  Eivieee  erinnert  an  die  Worte  St.  Johanni  über  das
Licht  „das  da  scheinet  an  einem  dunklen  Ort  und  um  jeden  in  die
Welt  geborenen  Helligkeit  verbreitet“,  was  ein  von  Gott  im  Herzen
jedes  Menschen  angezündetes  Licht  vermuten  ließe,  das  ihm  gestattet,
seinen  Weg  zu  finden.  Nach  Düpont  hat  Qüesnay  erkannt,  daß:
„der  Mensch  nur  Einkehr  bei  sich  zu  halten  braucht,  um  hier  das
köstliche  Verständnis  dieser  Gesetze  zu  finden“,  oder  daß  „ohne  sie
zu  kennen,  die  Menschen  doch  von  einer  unbewußten  Kenntnis  der
Physiokratie  auf  natürliche  Weise  geleitet  werden“  3 ).  Nach  vielen

'  l )  „Die  Gesetze  sind  unabänderlich,  sie  gehören  zum  Urwesen  der  Menschen
und  der  Dinge,  sie  sind  der  Willensausdruck  Gottes.“
„Alle  unsere  Interessen,  all  unser  Wollen  vereinen  sich,  .  .  .  und  bilden  für
unser  gemeinsames  Glück  eine  Harmonie,  die  man  als  das  Werk  einer  gütigen
Gottheit,  die  die  Erde  von  glücklichen  Menschen  bewohnt  sehen
will,  anspreohen  kann“  (Meboier  db  la  Eiviiüeb  I,  S.  390;  II,  8.  638).
2 )  „Es  gibt  einen  natürlichen  Eichter  letzter  Instanz  für  alle  Anordnungen,
selbst  für  die  des  Herrschers,  und  dieser  Eichter  ist  die  Tatsache  (die  Evidenz)
ihrer  Übereinstimmung  mit,  oder  ihrer  Gegensätzlichkeit  zu  den  natürlichen  Gesetzen“
(Düpont  I,  8.  746).
3 )  Düpont,  Introduction  aux  ceuvres  de  Qüesnay  I,  S.  19  und  26.
            
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