Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

340

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

sich  anzuwerben,  gerade  um  den  sozialistischen  Bestrebungen  der
Kommission,  die  im  Luxemburg-Palast  tagte,  und  der,  wie  wir  sehen
werden,  Louis  Blanc  präsidierte,  entgegenzuarbeiten.  An  ihre  Spitze
stellte  man  einen  seiner  erklärten  Gegner,  den  Ingenieur  Emile
Thomas  der  schon  1849  in  seiner  Geschichte  der  nationalen
Werkstätten  selbst  erzählt,  in  welchem  Sinne  er  sie  leitete,
nämlich  in  Übereinstimmung  mit  der  antisozialistischen  Mehrheit  der
provisorischen  Regierung 1 ).
Durch  diese  Rechnung  wurde  aber  schnell  ein  Strich  gemacht.
Diejenigen,  die  die  nationalen  Werkstätten  zum  Vorteil  ihrer  eigenen
Politik  gebrauchen  wollten,  wurden  überstimmt.  Die  Revolution
hatte  die  Zahl  der  Arbeitslosen  sehr  vermehrt,  die  schon  infolge  der
wirtschaftlichen  Krisis  von  1847  ganz  bedeutend  gewesen  war.  Außerdem ­
  ließ  die  Eröffnung  der  öffentlichen  Werkstätten  die  Arbeitslosen
der  Provinz  nach  Paris  strömen.  Anstatt  10000,  auf  die  man  gerechnet ­
  hatte,  waren  Ende  März  21000  Arbeiter  eingeschrieben,  die
Ende  April  auf  99400  angewachsen  waren.  Man  zahlte  ihnen  2  Fr.
am  Tag,  wenn  sie  arbeiteten,  und  1  Fr.,  wenn  man  ihnen  keine
Arbeit  geben  konnte.  Nach  kurzer  Zeit  wußte  man  nicht  mehr,
womit  man  sie  beschäftigen  sollte.  Die  meisten  wurden  ohne  Rücksicht ­
  auf  ihren  Beruf  zu  unnötigen  Erdarbeiten  herangezogen,  die
sich  aber  sehr  bald  auch  als  ungenügend  erwiesen.  Diese  Armee
von  Unglücklichen  wurde  von  Unzufriedenheit  ergriffen,  da  sie  sich
von  der  lächerlichen  Arbeit,  mit  der  man  sie  beschäftigte,  erniedrigt
fühlte,  und  weil  der  geringe  Lohn,  der  aber  noch  weit  über  den  Wert
der  geleisteten  Arbeit  hinausging,  sie  in  keiner  Weise  zufriedenstellen
l )  Alle  Geschichtsforscher  stimmen  in  diesem  Punkte  überein,  den  Louis  Blanc  in
seiner  Histoire  de  la  Revolution  de  1848  ausführlich  dargelegt  hat  (Kap.  XI).
Auch  sind  die  zeitgenössischen  Zeugnisse  bezeichnend  genug,  besonders  das,  das
Lamartine  in  seiner  Histoire  de  la  Revolution  de  1848  gibt  (B.  II,  S.  120).
„Befehligt,  geleitet  und  zusaramengehalten  von  Führern,  die  im  geheimen  im  Vertrauen ­
  der  anti-sozialistischen  Partei  der  Regierung  waren,  hielten  diese  Werkstätten ­
  bis  zur  Ankunft  der  Assemblee  Nationale  den  Arbeiter-Sektierern
der  Klubs  des  Luxemburg-Palastes  und  den  aufrührerischen  Arbeitern  das  Gleichgewicht. ­
  Durch  ihre  Menge  und  die  Nutzlosigkeit  ihrer  Arbeiten  erregten  sie
den  Unwillen  der  Pariser,  aber  sie  beschützten  und  retteten  Paris  mehr  als  einmal,
ohne  daß  es  davon  wußte.  Weit  davon  entfernt,  im  Solde  Louis  Blano’s  zu  stehen,
wie  man  gesagt  hat,  beseelte  sie  der  Geist  seiner  Gegner.“  E.  Thomas  erzählt
(Histoire  des  ateliers  nationaux,  S.  146—147),  daß  am  23.  Mai  der  Minister
Marie  ihn  zu  sich  kommen  ließ  und  ihn  „ganz  im  Geheimen“  fragte,  ob  er  auf  die
Arbeiter  der  nationalen  Werkstätten  zählen  dürfe?  „Finden  Sie  ein  Mittel,  sich
ihrer  wirklichen  Ergebenheit  zu  versichern.  Sparen  Sie  das  Geld  nicht:  wenn  notwendig, ­
  werden  Sie  Geld  aus  dem  Geheimfonds  erhalten“.  •—  „Zu  welchem
Zweck“?  frug  Thomas.  „Um  des  öffentlichen  Wohles  willen.  Glauben  Sie,  Ihren
Leuten  vollständig  befehlen  zu  können  ?  Der  Tag  ist  vielleicht  nicht  mehr  fern,  an
dem  man  sie  zu  Straßenkämpfen  verwenden  muß.“
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.