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Drittes Buch. Der Liberalismus.
Wärme spendenden Eigenschaften des einen oder die nahrhaften des
anderen bezahlen solle. »Wenn es aber wahr ist, daß die Natur nichts
fordert, so ist es doch nicht wahr, daß der Besitzer nichts weiter
als die Rückerstattung seiner Auslagen an Mühe und Kosten ver
langt. Er begnügt sich nur damit, wenn er durch die Konkurrenz
unbedingt dazu gezwungen wird! Diese Bedingung ist nun fast
niemals gegeben, und die ökonomischen Theorien erklären gerade,
weshalb der Verkaufspreis gewöhnlich den Gestehungspreis übersteigt,
und wie sich dieser Überschuß unter den verschiedenen Kategorien,
Rente, Profit, Mehrwert, darstellt. *
Im Grunde war sich Bastiat sehr wohl der Schwäche seiner Be
weisführung bewußt. Er sieht sehr gut, daß der Eigentümer eines
berühmten Weinberges oder eines an den Champs-Elysees gelegenen
Baugrundes viel mehr erhalten kann, als die Bezahlung seiner Arbeit.
Aber dann rettet er sich in seine Werttheorie: dieser Eigentümer
wird niemals mehr erhalten als den Preis des geleisteten Dienstes.
— Zugegeben! Deshalb ergibt sich aber doch, daß die Tatsache,
einen natürlichen Reichtum zu besitzen, es gestattet, den Preis der
Dienste, die der Eigentümer leistet, bedeutend zu er
höhen, und was bleibt dann von dem sog. Gemeineigentum und den
vom Besitzer seinen Brüdern unentgeltlich und ohne Vorbehalt über
wiesenen Gütern übrig?
Welche Überlegenheit zeigt demgegenüber die Theorie Caeey’s,
sowohl durch ihren wissenschaftlichen Wert, als auch durch ihre
große soziale Tragweite! Caeey nimmt Punkt für Punkt die Theorie
Ricaedo’s vor, die Bastiat nur sehr ungenau gekannt zu haben
scheint 1 ). Der These Ricaedo's gegenüber, daß der Wert des Ge
treides fortschreitend höher werden muß, weil der Mensch, nachdem
er die fruchtbarsten Böden in Besitz genommen hat, gezwungen ist,
nach und nach unfruchtbarere in Bewirtschaftung zu nehmen, ant-
*) Bastiat scheint die Bodenrente nicht besonders studiert zu haben. Das
Kapitel der Harmonies, das diese Überschrift trägt, ist unvollendet geblieben.
Einer seiner Schüler jedoch, de Fontenay, hat ihr ein ganzes, heute vergessenes,
jedoch sehr glänzendes Buch gewidmet; Du Eevenu foncier (1854). Er bemüht
sich nachzuweisen:
1. daß die ÄiCAKDo’sche Bodenrente, d. h. die Differenzialrente nicht existiert,
da alle Felder gleichwertig sind, aber nur unter der Bedingung, daß mau
es versteht, die für ein jedes geeignetste Kultur anzuwenden;
2. daß die Kente der natürlichen Fruchtbarkeit, die der Physiokraten oder
Adam Smith’s, ebensowenig existiert, da alle Nützlichkeit (und nicht nur aller Wert!)
einzig auf der Arbeit beruhe. Ein Pfirsich, eine Weintraube, ein Weizenkorn, ein
Schlachtochse werden einzig vom menschlichen Fleiß geschaffen: die Natur ist stets
durchaus unfähig gewesen, es zu tun, und wird es auch stets bleiben. — Dies ist
übrigens durchaus richtig, wenn man sagt, die Natur allein; aber genau dasselbe
kann man dann auch von der Arbeit allein sagen.