Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Bevölkerung  ist  das  geringste  in  Europa“,  und  hält  dieses  Resultat
für  außerordentlich  ermutigend.
Um  dieses  schreckliche  Gesetz  zu  bekämpfen,  geht  er  sogar  soweit, ­
  das  Prinzip,  das  er  sonst  überall  verteidigt,  das  der  Freiheit,,
zu  opfern.  Er  verlangt  nämlich,  daß  das  Gesetz  ausdrücklich  die
Ehe  zwischen  Armen  verbiete 1 );  wir  wissen,  daß  Malthds  sich  entschieden ­
  hiergegen  ausgesprochen  hatte.  Nicht  in  seinen  „Prinzipien“,
sondern  gerade  in  dem  Buche,  das  den  Titel  die  Freiheit  trägt,,
verlangt  Stuaet  Mill  diesen  entsetzlichen  Zwang!
Allerdings  hat  er  dieses  letztere  Buch  teilweise  zusammen  mit
seiner  Frau  geschrieben.
4.'  Bas  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage.  —  Dieses
Gesetz  bestimmt  den  Wert  eines  jeden  Erzeugnisses  und  auch  den
der  produktiven  Dienste:  Arbeit,  Kapital  und  Boden.  Gewöhnlich
wird  es  in  folgender  Weise  formuliert:  der  Preis  schwankt  im
gleichen  Verhältnis  zur  Nachfrage  und  im  umgekehrten  Verhältnis
zum  Angebot.  Es  ist  einer  der  bedeutsamsten  Beiträge  Stuaet
Mill’s,  nachgewiesen  zn  haben,  daß  diese  Formel  unter  ihrer  anscheinend ­
  mathematischen  Genauigkeit  nur  auf  einen  Circulus  viciosus
hinausläuft.  Wenn  nämlich  das  Angebot  und  die  Nachfrage  den  Preis
schwanken  lassen,  so  läßt  wieder  umgekehrt  der  Preis  Angebot  und
Nachfrage  schwanken.  Mill  berichtigt  es  daher,  indem  er  sagt,  daßder
  Preis  sich  auf  ein  solches  Niveau  einstellt,  daß  die  angebotenen
und  nachgefragten  Mengen  gleich  werden,  und  die  Preisschwankungen
haben  gerade  die  Wirkung,  diese  Übereinstimmung  herbeizuführen,
ebenso  wie  die  Schwingungen  des  Balkens  an  der  Wage  nach  der
Gleichgewichtslage  streben 2 ).  Hierdurch  gibt  Stuaet  Mill  dem  Gesetz ­
  des  -Angebots  und  der  Nachfrage  nicht  nur  eine  Wissenschaft-0

  „Die  Gesetze,  die  in  einer  großen  Anzahl  Staaten  des  Kontinents  die  Ehe
verbieten,  wenn  die  Parteien  nicht  nachweisen  können,  daß  sie  imstande  sind,  eine-Familie
  zu  ernähren,  überschreiten  nicht  die  berechtigte  Macht  des  Staates  .  .  .
Man  kann  ihnen  nicht  vorwerfen,  die  Freiheit  zu  beschränken  (Libert)',  S.  19B
der  franz.  Übers,  von  Dupont-White).
Dagegen  betrachtet  es  aber  Mill  als  eine  Verletzung  der  Freiheit,  wenn  die-Zahl
  der  Kneipen  durch  ein  Gesetz  begrenzt  wird,  weil  das  hieße,  die  Arbeiter  wie
Kinder  zu  behandeln!  (Ebenda,  S.  186.)
2 )  „Das  Steigen  und  Fallen  der  Preise  findet  so  lange  statt,  bis  das  Angebot
und  die  Nachfrage  einander  genau  gleich  sind,  und  der  Wert  einer  Ware  auf  dem
Markte  ist  kein  anderer  als  der,  der  auf  diesem  Markte  eine  genügende  Nachfrage
bestimmt,  um  alle  angebotenen  Mengen  aufzunehmen“  (Principles,  Bd.  I,  II,
Kap.  2,  §  1.)
Vor  Stuart  Mill  hatte  schon  Cournot  die  Formel  des  Gesetzes  vom  Angebot
und  Nachfrage  in  seinen  liecherohes  sur  les  principes  mathematique»
de  la  theorie  des  richesses  (1838)  kritisiert;  es  ist  aber  nicht  wahrscheinlich,
daß  Stuaet  Mill  dieses  Buch  gekannt  hat.
            
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