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Drittes Buch. Der Liberalismus.
kann aber vielleicht den Gedanken Stuabt Mill’s genauer ausdrücken,
wenn man seine allzu einfache Unterscheidung durch eine andere ersetzt,
die Rodbeetus ungefähr zur gleichen Zeit aufstellt: die der wirt
schaftlichen Beziehungen und die der rechtlichen Be
ziehungen 1 ). Obgleich auch diese beiden vielfach miteinander
verflochten sind, so versteht man doch, daß die wirtschaftlichen
Gesetze, die den Tauschwert regulieren oder die Ausdehnung indu
strieller Unternehmungen bestimmen, nicht von der gleichen Art
sind, wie die Grundlagen, auf denen die gesetzliche Übertragung
des Eigentums sich aufbaut, oder wie die, aus denen sich die Ver
pflichtungen der Parteien eines Interessen-, eines Lohn- oder eines
Pachtvertrages ergeben. Die ersteren können als natürliche Gesetze
bezeichnet werden, während die zweiten nur das Werk einer gesetz
geberischen Autorität darstellen.
Stuabt Mill begnügt sich aber nicht damit, den Reformen die
Tür zu öffnen. Er tritt selbst mit vollem Entschluß über die Schwelle.
Er bringt, und darin unterscheidet er sich von allen klassischen
Volks Wirtschaftlern, ein breit angelegtes sozialpolitisches Programm,
das er selbst in folgender Weise formuliert: „Vereinigung des Höchst
maßes an individueller Handlungsfreiheit mit Gemeinsamkeit am
Besitz der natürlichen Schätze der Welt und gleichmäßiger Anteil
aller an den Erzeugnissen der Arbeit, die diese Schätze ausnützt“ 2 ).
Dieses Programm läßt sich in folgenden drei Sätzen zusammenfassen:
1. Ersatz des Lohnsystems durch die Produktivgenossenschaft;
2. Sozialisation der Bodenrente durch die Grundsteuer;
3. Beschränkung der Ungleichheit der Vermögen durch eine
Beschränkung des Erbrechtes.
Wie .man sieht, entspricht diese dreifache Reform durchaus den
von Stuabt Mill aufgestellten Bedingungen: denn sie ist nicht nur
nicht in Widerspruch mit dem individualistischen Prinzip, sondern
sie bezweckt gerade, es in diesen drei Punkten zu verstärken; sie
bedeutet keinen Zwang gegen das Individuum und strebt im Gegenteil
auf seine Emanzipierung hin. Betrachten wir daher kurz jede dieser
Reformen.
1. Das Lohnsystem erschien Stuabt Mill als eine für die Indivi
dualität durchaus verderbliche Ordnung. Weshalb? Weil es dem
Menschen alles Interesse an seinem Arbeitserzeugnis nimmt und
daher schon heute für die große Mehrzahl jene völlige Gleichgültigkeit
für die eigene Arbeit zur Tatsache macht, die, nach dem Vorwurf
’) Siehe besonders die Einführung Chatelain’s zur franz. Übers, von Eodbertüs :
Das Kapital.
2 ) Antobiography, S. 232 (London, 1873).