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Drittes Buch. Der Liberalismus.
2. Die Bodenrente, die Ricabdo und seine Schüler als eine
natürliche oder sogar notwendige Tatsache angenommen hatten,
erschien ihm gleichfalls als anormal. Sie stand ebenso wie das Lohn
system im Widerspruch mit dem Individualismus, wenn auch von
einem verschiedenen Gesichtspunkt aus. Wies sie doch gewissen
Menschen das zu, was nicht das Ergebnis ihrer individuellen Arbeit
war, während der wirkliche Individualismus Jedem den Ertrag seiner
Tätigkeit zuspricht: suumcuique!
Ob dieses Einkommen auf der Mitarbeit der Natur beruhte, wie
die Physiokraten und Adam Smith glaubten, oder ob es, wie Ricardo
und Malthus annahmen, eine Folge des Andrängens der Bevölkerung
war, oder ob der Zufall und soziale Konjunkturen es verursachten,
wie Senior lehrte — auf jeden Fall mußte es, gerade auf Grund
des Prinzipes „jedem das Produkt seiner Arbeit“ der Gemeinschaft
zurückgegeben werden. Nichts war einfacher, als dies durch das
Mittel einer Grundsteuer zu erreichen, hoch genug, um die Boden
rente aufzusaugen: diese Steuer mußte man von Zeit zu Zeit erhöhen,
um dem Wachstum der Rente zu folgen. Dies war eine groß angelegte
Idee, die Stuart Mul übrigens schon von seinem Yater überkommen
hatte, und um die sich eine ganze Schule von Volkswirtschaftlern
sammeln sollte, die dem Sozialismus als solchem fern stand.
Aber die Bewegung, die aus dieser Idee der Wegsteuerung der
Bodenrente entstand, ist bedeutend genug, um besonders untersucht
zu werden, findet aber besser ihren Platz in dem Kapitel, das später
dieser Frage gewidmet sein wird.
Übrigens würde sich Stuart Mill, in Erwartung dieser etwas
revolutionären Reform, mit einer bescheideneren begnügt haben, die,
wie die Produktivgenossenschaft, ihm von dem, was er in Frankreich
gesehen hatte, nahe gelegt worden war: es war dies die Ausdehnung
des kleinbäuerlichen Eigentums. Seit den Reisen Arthur Yoüng’s in
Frankreich war es übrigens bei den Engländern Mode J ), den franzö
*) A. Young- ist aber trotzdem Anhänger des landwirtschaftlichen Großbetriebes
geblieben, während bei Stuart Mill die Bekehrung vollständiger gewesen zu
sein scheint.
Doch wurde das bäuerliche Besitztum von Stuart Mill nur „in Erwartung“
einer radikaleren Lösung vorgeschlagen, die in der oben erwähnten, in der Asso
ziation, besteht,
„Die in einem anderen Teil dieses Werkes ausgedrückte Meinung über den
Kleingrundbesitz und über die bäuerlichen Besitzer hat den Leser vielleicht zu
dem Glauben verführt, daß ich auf eine große Teilung des Großgrundbesitzes
rechne, um die Arbeiter, wenigstens die Landarbeiter, der Notwendigkeit zu über
heben, ihren Lebensunterhalt allein von ihrem Lohn zu erwarten. Doch ist dies
nicht meine Meinung. Zwar glaube ich, daß diese Form der ländlichen Bewirtschaftung,
die grundlos kritisiert worden ist, in ihrem Gesamteinfluß auf das Glück der Menschen