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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
Ein Wort Goethe’s, das als Epigraph zu dem großen Grund
riß Schmollee dient, sagt:
„Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleibt im Dunklen, unerfahren,
muß von Tag zu Tage leben.“
Und in der Tat, nur die Kenntnis der früheren Zustände, durch die
das wirtschaftliche Leben der menschlichen Gesellschaften geschritten
ist, gibt uns den Schlüssel zu ihrer gegenwärtigen Gestalt. Ebenso,
wie die Naturforscher und die Geologen dazu geführt worden sind,
um den gegenwärtigen Zustand der Erde und der lebenden Arten,
die sie bevölkern, zu verstehen, die Entwicklung des Lebens und
der Erde in großen historischen Hypothesen wieder auferstehen zu
lassen, ebenso muß der Gelehrte, der das gegenwärtige wirtschaftliche
Leben der Menschheit studiert, bis in die fernste Vergangenheit
zurückgehen, um dort seinen Ursprung und seine Quelle zu finden.
„Der Mensch“, sagt Hildebeand, „ist als soziales Wesen stets ein
Kind der Zivilisation und ein Produkt der Geschichte ... Seine Be
dürfnisse, seine Bildung, seine Beziehungen zu den Sachgütern wie
zu den Menschen bleiben niemals dieselben, sondern sind sowohl geo
graphisch verschieden als sie sich auch historisch immer verändern
und mit der gesamten Kultur des Menschengeschlechts fortschreiten“ 1 ).
Daher haben die ersten Volkswirtschaftler, in der Meinung der
Anhänger der historischen Schule, der Wissenschaft zu enge Grenzen
gezogen, w r eil sie sich hauptsächlich auf die wirtschaftlichen Tat
sachen beschränkten, die infolge ihrer Allgemeinheit den Charakter
physischer Gesetze besitzen. Neben der Theorie wie sie sie aufgefaßt
haben (einige sagen sogar aiTThrer Stelle), muß man eine andere
Untersuchungsmethode, die der Biologie nähersteht, anwenden; die
eingehendeBeschreibung und die Erklärung auf Grund
der Geschichte des wirtschaftlichen Werdens und Lebens
jeder Nation. Hierin scheint uns zusammenfassend die positive
Auffassung zu liegen, die sich die historische Schule, wenigstens in ihren
Anfängen, von der Nationalökonomie gemacht hat, eine Auffassung,
die mehr oder weniger klar noch heute in vielen Köpfen lebendig ist.
Diese Auffassung ist durchaus natürlich und berechtigt. Auf
den ersten Blick ist sie sogar sehr verführerisch. Trotz ihrer an
scheinenden Einfachheit ist sie aber doch nicht ohne ihre dunklen
Seiten, und die genauere Analyse ihrer Gegner hat in ihr Grund zu
ernsthaften Einwürfen gefunden.
*) Hildebrand, Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zu
kunft, S. 29.