Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Zwischen  den  Ideen,  die  wir  eben  dargelegt  haben,  nnd  den  Gedanken ­
  eines  Philosophen,  dessen  direkter  Einfluß  auf  die  ökonomische
Forschung  sehr  schwach,  fast  null,  gewesen  ist,  besteht  eine  höchst
auffallende  Analogie,  und  wir  können  uns  nicht  versagen,  ihn  hier
zu  erwähnen;  es  ist  dies  Auguste  Comte.
Eigentümlicherweise  haben  die  ersten  Vertreter  der  historischen
Schule  ihn  nicht  gekannt.  Ebenso  wie  sie  Stuart  Mill  nicht  gekannt ­
  haben,  haben  sie  auch  den  Cours  de  Philosophie  positive
von  Auguste  Comte,  der  doch  bereits  seit  1842  vollendet  war,  nicht
gelesen.  Und  doch  stellte  Comte  in  diesem  Werke  Gedanken  auf,  die
denen  Knies’  und  Hildebband’s  sehr  verwandt  waren.  Diese  Verwandtschaft ­
  ist  so  ausgeprägt,  daß  positivistische  Volkswirtschaftler
wie  Ingram  und  H.  Denis  geglaubt  haben,  die  historischen  Bestrebungen ­
  in  der  Nationalökonomie  mit  der  positivistischen  Philosophie
in  Verbindung  bringen  zu  können 1 ).
Die  drei  wesentlichen  Grundgedanken,  von  denen  wir  gesagt
haben,  daß  sie  die  Grundlage  der  Auffassung  der  Anhänger  der
historischen  Schule  bilden,  finden  sich  schon  bei  Auguste  Comte  ganz
klar  formuliert.  Der  erste  ist  die  Notwendigkeit,  die  wirtschaftlichen
Tatsachen  in  ihren  Beziehungen  zu  allen  anderen  Phänomenen  zu  untersuchen; ­
  „Die  wirtschaftliche  und  industrielle  Analyse  der  Gesellschaft“,
sagt  er 2 )  „kann  nicht  in  positiverWeise  durchgeführt  werden,  wenn
man  ihre  intellektuelle,  moralische  und  politische  Analyse,  sei  es  die
der  Vergangenheit  oder  die  der  Gegenwart,  beiseite  läßt.“  —  Der
zweite  ist  die  Anwendung  der  Geschichte  als  üntersuchungsmittel  in
der  sozialen  Wissenschaft.  Wie  er  sagt,  muß  auch  sie  sich  auf  die
„rationelle  Analyse  der  Gesamtheit  der  bis  zu  unseren  Tagen  erfolgten
Entwicklung  in  den  höchststehenden  Vertretern  der  Menschheit
stützen,“  und  als  günstig  für  die  Erneuerung  der  Volkswirtschaft
als  Wissenschaft  nimmt  er  an:  „daß  die  Vorliebe  für  historische
Arbeiten  in  unserem  Jahrhundert  immer  und  überall  im  Wachsen
begriffen  ist“ 3 ).  —  Schließlich  ist  er  überzeugt,  daß  diese  Methode
die  rationelle  Voraussicht  gestatten  wird,  „ein  Attribut,  das
die  Gesamtheit  der  verschiedenen  Bedingungen  zusammenfaßt,  deren
Bestimmung  es  ist,  den  wirklichen  Grundcharakter  der  positiven
Politik  zu  bezeichnen“ 4 ).
In  Summa  ist  das,  was  Comte  gründen  wollte,  die  „  Soziologie  “ r
und  von  ihr  ist  die  Nationalökonomie  nur  ein  Teil.  Auch  die  historische

')  Vgl.  Ingkam,  History  of  political  economy,  Kap.  IV.  und  Denis,.
Histoire  des  systemes  economiques  et  socialistes,  Bd.  I,  S.  34.
2 )  A.  Comte,  Cours  de  philosophie  positive,  Bd.  IV,  S.  198.
3 )  A.  Comte,  ebenda,  S.  168  und  207.
4 )  A.  Comte,  ebenda,  S.  227
            
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