Kapitel II. Der Staatssozialismus,
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Die Beweisführung Rodbertüs’ ist aber nicht mit der Gegenüberstellung
von „sozialem Bedürfnis“ und „Avirksamer Nachfrage“ erschöpft.
Es genügt auch nicht, diesen Gegensatz festzustellen. Er
muß erklärt werden. Warum lassen sich die Produzenten von der
Nachfrage und nicht von dem Bedürfnis leiten? Er antwortet, dies
beruhe darauf, daß die Besitzer der Arbeitsmittel unter der heutigen
Ordnung ihre Produktion nur im Hinblick auf ihr eigenes Interesse
einrichten. Ihr Interesse liege nun darin, ihre Produktionsmittel auf
die Erzeugung derjenigen Gegenstände zu verwenden, die ihnen den
größten Nettoertrag bringen. Die Rentabilität und nicht die
Produktivität (nämlich die zur Befriedigung des sozialen Bedürfnisse,
bestimmten Erzeugnisse) interessiert sie. „Sie veranlassen
irgendwelche Produktion überhaupt nicht mehr zum Zweck der Deckung
des Nationalbedürfnisses, sondern weil sie ihnen Rente, Gewinn
verheißt“ (Kapital, S. 143).
Dieser Gegensatz zwischen der Rentabilität und der Produktivität
ist bedeutsam genug, um einen Augenblick dabei zu verweilen.
Schon Sismondi hat darauf hingewiesen, der, wie wir wissen, das
Streben nach dem Nettoertrag dem nach dem Bruttoertrag gegenüber
stellt. Zahlreiche Schriftsteller haben sich seitdem mit dieser
Frage beschäftigt. In der Geschichte der Doktrinen spielt sie daher
eine bedeutende Rolle 1 ).
Auch hierin hebt Rodbertüs wieder eine unbestreitbare Tatsache
hervor. Selbstverständlich ist es das Streben nach dem größten
Nettoertrag, das den Produzenten leitet. Die Würdigung, die er dieser
Tatsache gibt, unterliegt aber ganz außerordentlich der Kritik. Wenn
der zu verfolgende Zweck die Befriedigung dessen ist, was er das soziale
Bedürfnis nennt, und nicht die der Nachfrage, so muß man sich allerdings
seiner Meinung anschließen. Dann ist es ein charakteristischer
Fehler der gegenwärtigen Gesellschaft, sich auf die Rentabilität
l ) Die Frage des Netto- und des Bruttoertrages ist eine der wesentlichen Beschäftigungen
der Yolkswirtschaftler dieser Zeit. Vidal (Bepartition des richesses,
Paris 1846, S. 219), und Ott (Traite d’economie sociale, i851, S. 95ff.) bestehen
nachdrücklich darauf. Seitdem haben sie Cournot, Duhjung und weiterhin Kkkertz
und Landry von neuem in Angriff genommen. Die meisten definieren „Produktivität“
in verschiedener Weise (wenn sie sich überhaupt zu einer Definition herbeilassen),
so daß es in Wirklichkeit nicht dieselbe Frage ist, die sie behandeln. Bei Rodbertüs
hat, wie wir im Texte zeigen werden, das Wort Produktivität einen zu unbestimmten
Sinn, um überhaupt als Grundlage einer Diskussion dienen - zu können. In Wirklichkeit
ist in einer auf der Arbeitsteilung beruhenden Produktionsordnung die
Rentabilität das wesentliche Kriterium. Allerdings haben die Arbeiter eines Betriebes
eine wesentlich andere Auffassung davon, wann aus dem Grunde ringenügenden
Gewinnes eine Produktionsänderung erforderlich wird, als der gegen ihr
Geschick gleichgültige Fabrikherr, der sie nach Belieben entlassen kann.
Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. . 31