Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

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große  Frage,  das  große  Problem.  Für  die  Volkswirtschaftler  aus  der
Schule  Smith’s  sind  die  sozialen  Organismen  dasselbe,  wie  lebende
Organismen.  Das  freie  Spiel  der  natürlichen  Gesetze  hat  den  gleichen
wohltuenden  Einfluß,  wie  der  unbehinderte  Blutumlauf  im  menschlichen
Körper.  Die  Freiheit  soll  die  regelmäßige  Erfüllung  der  sozialen
Funktionen  sicher  stellen?  Welcher  Irrtum!  sagt  Eodbertus.  ,.Die
Staaten  sind  nicht  so  glücklich  oder  so  unglücklich,  daß  sich  ihre
Lebensfunktionen  von  selbst  mit  Naturnotwendigkeit  vollziehen.  Wie
sie  als  geschichtliche  Organismen  sich  selbst  organisierende  Organismen
sind,  sich  ihre  Gesetze  und  Organe  selbst  zu  geben  haben,  so  gehen
auch  die  Funktionen  ihrer  Organe  nicht  mit  Notwendigkeit  vor  sich,
sondern  sie,  die  Staaten  selbst,  haben  sie  in  Freiheit  zu  regeln,  zu
unterhalten,  zu  fördern 1 ).“  Deshalb  schlägt  Rodbertus  schon  1837
vor,  die  natürliche  Freiheit  durch  ein  „System  staatlicher  Leitung“
zu  ersetzen 2 ),  und  sein  ganzes  W *  *  7 erk  ist  nichts  als  ein  Versuch,  die
Notwendigkeit  dieses  Systems  nachzuweisen.  Untersuchen  wir  seine
Beweisführung  und  gehen  wir  zu  diesem  Zweck  mit  ihm  die  -  verschiedenen ­
  wirtschaftlichen  Funktionen  durch,  so  wie  wir  sie  oben
definiert  haben.  Betrachten  wir,  wie  sie  sich  ihm  zufolge  heute  vollziehen, ­
  und  wie  sie  sich  in  einer  besser  organisierten  Gesellschaft
vollziehen  müßten:
1.  Zunächst  kann  man  in  der  gegenwärtigen  Gesellschaftsordnung
nicht  genau  von  einer  Anpassung  der  Produktion  an  die  sozialen
Bedürfnisse  sprechen,  sondern  nur  an  die  wirksame  Nachfrage, ­
  nämlich  an  die  Nachfrage,  die  sich  in  einem  Geldangebot
ausdrückt.  Diese  Tatsache,  auf  die  übrigens  Adam  Smith  schon  hingewiesen ­
  hatte,  und  auf  die  Sismondi  besonderen  Nachdruck  legte,
führt,  so  sagt  uns  Rodbertus,  zu  einer  schwerwiegenden  Folgeerscheinung: ­
  es  werden  nämlich  nur  die  Bedürfnisse  derjenigen,  die
schon  etwas  besitzen,  befriedigt 8 ).  Derjenige,  der  nichts  anderes  auf
dem  Markte  anzubieten  hat,  als  seine  Arbeit,  erhält,  wenn  sich
herausstellt,  daß  nach  dieser  Arbeit  keine  Nachfrage  besteht,  überhaupt ­
  keinen  Teil  des  sozialen  Erzeugnisses.  Umgekehrt  bestimmt
derjenige,  der  ein  Einkommen  besitzt,  auch  wenn  er  es  gar  keiner
persönlichen  Arbeit  verdankt,  durch  diese  wirksame  Nachfrage  die
Produktion  der  Gegenstände,  die  er  wünscht.  So  sieht  man  oft,  daß
die  notwendigsten  Bedürfnisse  der  einen  nicht  befriedigt  werden,

*)  Physiokratie  und  Anthropokratie  in  den  Briefen  und  Sozialpolitischen ­
  Aufsätzen,  Bd.  II,  S.  519,  Berlin  1881.
*)  Schriften.  Bd.  III,  S.  218.
8 )  „Zuvörderst  .  .  .  wird  in  diesem  Zustande  überhaupt  nicht  für  die  Bedürfnisse
der  Arbeit,  sondern  für  die  Bedürfnisse  des  Besitzes  produciert“  (Kapital
8.  193).  Vgl.  auch  Kapital,  S.  52ff.
            
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