Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

während  zur  gleichen  Zeit  andere  in  allen  Annehmlichkeiten  des
Luxus  schwelgen.
Nichts  ist  wahrer.  Eodbeetus  hat  tausendfach  recht,  auf  das
Grundübel  eines  Systems  hinzuweisen,  das  logisch  die  Arbeitslosigkeit, ­
  diese  moderne  Form  der  Hungersnot,  als  eine  einfache,  vorübergehende ­
  Überproduktion  von  Waren  ansieht,  und  bisher  nur  dazu
gelangt  ist,  das  Prinzip  der  durch  die  wirksame  Nachfrage  beschränkten ­
  Produktion  durch  private  oder  öffentliche  Wohltätigkeit
zu  mildern.  Betrachten  wir  nun  das  Heilmittel,  das  er  vorschlägt.
Ihm  zufolge  müßte  die  Gesellschaft  an  Stelle  der  Produktion  für  die
Nachfrage  ständig  und  gänzlich  die  Produktion  für  das  „soziale  Bedürfnis“ ­
  setzen.  Hierfür  würde  es  genügen,  sich  im  voraus  zu  vergewissern, ­
  welche  Zeit  ein  jeder  fähig  ist,  produktiver  Arbeit  zu
widmen x ).  Gleichzeitig  würde  man  einen  Überblick  haben  über  die
Gegenstände,  die  erzeugt  werden  müssen,  und  in  welchen  Mengen  sie
benötigt  werden.  Denn,  so  sagt  Eodbeetus  r  „die  Bedürfnisse  bilden
im  allgemeinen  bei  jedermann  .  .  .  eine  gleiche  Eeihenfolge,  und  es
ist  auch  als  bekannt  vorauszusetzen,  welche  und  wie  viele  Befriedigungsmittel ­
  für  die  einzelnen  Bedürfnisse  erforderlich  sind“ *  2 ).  Da
man  so  die  Arbeitszeit  kennt,  über  die  die  Gesellschaft  verfügen
kann,  und  da  auf  der  anderen  Seite  die  Eeihe  der  sozialen  Bedürfnisse ­
  gegeben  ist,  würde  das  Problem,  diese  Zeit  zwischen  den  verschiedenen ­
  Produktionen  zu  verteilen,  keine  Schwierigkeit  mehr
bieten.
Diese  Behauptung  ist  etwas  überstürzt;  sie  drückt  sich  um  den
gewichtigsten  Einwurf  herum,  denn  die  angeblich  gleichmäßige  Bedürfnisreihe, ­
  von  der  uns  Eodbeetus  spricht,  besteht  nur  in  seiner
Einbildung.  In  Wirklichkeit  gibt  es  eine  kleine  Anzahl  von  Kollektivbedürfnissen
  und  eine  unendliche  Mannigfaltigkeit  von  Einzelbedürfnissen. ­
  Das  „soziale  Bedürfnis“  ist  nur  ein  unbestimmter  Ausdruck,
um  zur  gleichen  Zeit  beides  zu  bezeichnen.  Die  einfachste  Beobachtung ­
  zeigt  uns  bei  jedem  Individuum  eine  besondere  Eeihe  von
Bedürfnissen  und  Neigungen.  Wenn  man  die  Produktion  auf  ein
angebliches  „soziales  Bedürfnis“  gründet,  so  bedeutet  dies  tatsächlich
die  Abschaffung  der  Freiheit  des  Verbrauchs  und  der  Nachfrage.
Es  läuft  auf  dasselbe  hinaus,  als  ob  die  Gesellschaft  allen  Menschen
eine  willkürliche  Skala  von  zu  befriedigenden  Bedürfnissen  vorschreiben ­
  und  aufzwingen  würde.  Das  Heilmittel  Eodbeetus’  würde
daher  schlimmer  als  das  Übel  sein.
x )  „Wenn  nur  die  Zeitarbeit  bekannt  ist,  die  jeder,  der  sich  mit  produktiver
Arbeit  beschäftigt,  zu  leisten  übernimmt,  so  läßt  sich  auch  erkennen,  wieweit  die
Mittel  in  der  Deckung  der  Bedürfnisreihe  eines  jeden  reichen“  (Kapital,  S.  125).
2 )  Ebenda,  S.  12).
            
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