Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

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deren  Hauptzweck  darin  lag,  ihnen  den  Einkauf  der  Rohstoffe  zu
erleichtern.  Grundsatz  dieser  Genossenschaften  allerdings  war  der
Ausschluß  jeder  staatlichen  Einmischung.
Neu  war  daher  bei  Lassalle  nur  sein  Ruf  nach  der  Intervention
des  Staates.  Hierdurch,  durch  seinen  energischen  Protest  gegen
das  ewige  Laisser-faire,  machte  er  auf  die  öffentliche  Meinung
Eindruck.  Er  selbst  gefiel  sich  darin,  seine  Agitation  in  diesem
Licht  darzustellen,  ln  seiner  Rede  an  die  Arbeiter  Frankfurts  am
19.  Mai  1863  rief  er  aus:  „Das,  sage  ich  Ihnen,  ist  der  prinzipielle
Punkt  (der  der  stattlichen  Einmischung),  um  den  es  sich  in  dieser
ganzen  Agitation  handelt,  und  für  den  ich  mich  zu  derselben  entschlossen ­
  habe.  Hier,  mit  dieser  Frage,  steht  und  fällt  die  Schlacht,
die  ich  schlage“  1 ).
In  jeder  seiner  hauptsächlichsten  Schriften  kommt  er  auf  diesen
Gedanken  zurück.  Er  hat  ihn  jedoch  ganz  besonders  in  seiner  Rede
an  die  Berliner  Arbeiter  im  Jahre  1862  entwickelt.  Hier  tritt  er
uns  in  seiner  ganzen  Kraft  entgegen.  Er  stellt  hier  der  „bürgerlichen“ ­
  Auffassung  die  „wahre“  Auffassung  vom  Staat  gegenüber,
die,  wie  er  sagt,  die  der  Arbeiterklasse  ist.  Für  die  Bourgeoisie  hat
der  Staat  keinen  anderen  Zweck,  als  die  Freiheit  und  das  Eigentum
der  Individuen  zu  beschützen.  Diese  Auffassung  würde  genügen,
wenn  wir  alle  „gleich  stark,  gleich  gescheit,  gleich  gebildet  und
gleich  reich  wären“ 3 ).  Da  aber  diese  Gleichheit  nicht  besteht,  so
bedeutet  die  Beschränkung  der  Rolle  des  Staates  auf  die  eines  „Nachtwächters“ ­
  die  Auslieferung  des  Schwachen  an  die  Ausbeutung  durch
den  Starken.  In  Wirklichkeit  ist  der  Zweck  des  Staates  etwas  ganz
anderes.  Die  Geschichte  der  Menschheit  ist  nur  ein  langer  Kampf,
sich  die  Freiheit  gegenüber  der  Natur  zu  erobern,  gegenüber  den
Unterdrückungen  aller  Art;  Elend,  Unwissenheit,  Armut,  Schwachheit,
mit  denen  sie  den  Menschen  umgibt.  In  diesem  Kampfe  bleibt  das
vereinzelte  Individuum  ohnmächtig;  der  Zusammenschluß  ist  ihm  unentbehrlich. ­
  Der  Staat  ist  es  nun,  der  diesen  Zusammenschluß  schafft,
und  sein  Zweck  ist  daher  „die  menschliche  Bestimmung,  —  d.  h.  die
Kultur,  deren  das  Menschengeschlecht  fähig  ist,  —  zum  wirklichen

*)  Werke,  Äusg.  Pfau,  Bd.  II,  S.  99.  Diese  Bede  ist  unter  dem  Titel
Arbeiterlesebuch  gedruckt  worden.  Gerade  diese  Haltung  hat  ihm  Marx  zum
Vorwurf  gemacht,  ln  einem  seiner  Briefe  an  Schweitzer,  vom  13.  Oktober  1868,
den  Mehring  (Aus  dem  literarischen  usw.  IV,  S.  362)  anführt,  schreibt  er;
„Er  ließ  sich  zu  sehr  durch  die  unmittelbaren  Zeitumstände  beherrschen.  Er  machte
den  kleinen  Ausgangspunkt  —  seinen  Gegensatz  gegen  einen  Zwerg,  wie  Schulze-Delitzsch
  —  zum  Zentralpunkt  seiner  Agitation:  Staatshilfe  gegen  Selbsthilfe.“
2 )  Werke,  Ausgabe  Pfau,  Bd.  I,  S.  194.
Gide  und  Rist,  Gesoh.  d.  Volkswirtschaft].  Lehrmeinungen.

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