Kapitel III. Der Marxismus.
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technischen Instrumente und ihre In-Betriebsetzung betreffen. So
erklärt z. B. die Technik der Brotbereitung und innerhalb derselben
wieder die Stufenreihe der Formen von der Handmühle des
Altertums über die Wassermühle des Mittelalters bis zur Dampfmühle
der Gegenwart, den Übergang von der Hausindustrie über die kapi
talistische zur Großindustrie viel besser, als dies der Fortschritt der
freiheitlichen Ideen oder anderer „bürgerlicher Seifenblasen“ des
gleichen Kalibers tun können. Das Gleiche gilt von der Sklaverei,
der Hörigkeit und dem Lohnsystem, wie überhaupt von den auf
einander folgenden Zuständen der Zivilisation im allgemeinen. Hier
haben wir die wirklichen Grundlagen, oder wie man sagt, den
Unterbau, worauf alles übrige sich aufbaut. Diese Auffassung,
die weit über den Rahmen der eigentlichen Volkswirtschaft hinaus
geht und eine ganze Geschichtsphilosophie darstellt, ist unter dem
Namen des historischen Materialismus berühmt geworden 1 ).
') Indem die Menschen die Prodnktionsmethoden ändern, ändern sie auch ihre
sozialen Beziehungen. ,.Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren;
die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten“ (Elend der
Philosophie, S. 101). Doch muß man in diesem oft wiederholten Satz mehr eine
pittoreske Illustration als eine wissenschaftliche Formel des historischen Materialismus
sehen. Mabx drückt sich in dem Vorwort seines Buches Zur Kritik der politischen
Ökonomie (herausg. von Kadtsky, Stuttgart 1909, 3. Aufl.) gemäßigter aus. Wir
führen die bedeutendste Stelle dieser berühmten Seite an (Vorwort, S. LV.)
„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte,
notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die
einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die
Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesell
schaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und
welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produk
tionsweise des materiellenLebensbedingtden sozialen, politischen
und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein des
Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Be
wußtsein bestimmt.“
Das Wort „bestimmt“, auch wenn es durch „im allgemeinen“ abgeschwächt wird
(das Wort „überhaupt“ des angeführten deutschen Textes ist in der vom Verfasser be
nutzten franz. Übersetzung durch „en general“ wiedergegeben worden. D. Übers.),
erschien trotzdem etwas stark, und der heutige Marxismus hat es durch das Wort
»erklärt“ ersetzt, das eher annehmbar ist. So schreibt Labkiola: „Es handelt sich
letzten Grundes nur darum, alle historischen Tatsachen des wirtschaftlichen Unter
haus zu erklären“ (Conception materialiste, S. 120).
Diese These des historischen Materialismus findet sich in verblüffenden Para
doxen in La Constitution Sociale von Lohia entwickelt. Man sieht da, wie
die ganze Geschichte, alle Kriege, die Welfen uncTdie Ghibellinen, die Reformation,
die französische Revolution und sogar Christi Tod auf Golgatha, auf dem „wirt
schaftlichen Unterbau“ beruhen, — doch ist für Loeia der Hauptfaktor, der allen
anderen als Grundlage dient, nicht die industrielle Technik, sondern die Ordnung
des Bodenbesitzes. (Siehe weiter unten im Kap. über die Rente.)
Doch würde es ungenau sein, im Marxismus den Ausdruck eines Fatalismus