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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
14) au
Diese materialistische Auffassung — im landläufigen Sinne dieses
Wortes — scheint den Marxismus von jedem moralischen Bedenken,
jeder Gefühlsaufwallung zu trennen, und, wie Schäfflb in einem
oft erwähnten Wort sagt: die soziale Frage zu einer „Magenfrage“
zu machen. Daher ist sie auch nur mit Schwierigkeit von den
französischen Sozialisten aufgenommen worden, die sich alle Mühe
gegeben haben, sie mit einer Art Heiligenschein zu umgeben 1 ).
Die reinen Marxisten sagen aber, daß diese Schönfärberei unnötig
ist und nur ein vollständiges Verkennen dessen zeigt, was der
Materialismus wirklich ist. Denn im richtigen Sinn, d. h. im
esoterischen Sinn aufgefaßt, wie sich dies überhaupt für die ganze
marxistische Lehre gehört, schließt der historische Materialismus
■ keineswegs den Idealismus aus: was er ausschließt, ist die Ideologie,
und das ist etwas ganz verschiedenes. Er unterwirft den Menschen
durchaus nicht der Fatalität eines materiellen Milieus; im Gegen
teil, er sieht die Entwicklung in „dem bewußten, wenn auch be
hinderten Streben der Menschen, den sozialen Bedingungen, unter
denen sie leben, zu entrinnen“ 2 ). So wäre also der historische
Materialismus zuletzt eine Art Philosophie des Strebens 8 ). Man wird
verstehen, wie schwierig es ist, so nebelhafte Doktrinen zu kritisieren.
oder auch nur eines bis zum äußersten getriebenen Determinismus zu sehen. Der
Marxismus erbebt den Anspruch, ein Erzieher zur Energie zu sein, was er auch wirklich
ist. Die Arbeiter müssen, nachdem sie klar gesehen haben, wo ihre Interessen liegen,
mit allen ihren Kräften in dieser Richtung arbeiten. Nur brauchen sie zum Handeln
sich nicht vorher ein zu erreichendes Ziel zu stecken. „Alles, was in der Geschichte
geschehen ist, ist das Werk des Menschen gewesen, doch war es nur selten das Er
gebnis einer kritischen Wahl oder eines vernünftigen Willens“ (Ebd. S. 133). An
anderer Stelle. „Indem der Mensch nach und nach die verschiedenen sozialen Milieus
schuf, . . . schuf er sich selbst“ (Labriola, ebd. S. 131—132).
Wir würden aus dem Rahmen dieses Buches fallen und uns auf den Boden
der Metaphysik begeben, wenn wir diese Lehre klarer darstellen wollten, — was
sie übrigens recht notwendig braucht.
*) Siehe besonders die Bücher von Jaurüs, Etudes socialistes; Georges Ebnard,
Le regime socialiste; EodhniiSre, L’Individu, l’Association et l’Etat.
2 ) Labriola, op. cit. Vanderveldb (L’Idealisme marxiste in der Revue
Socialiste, Eebruar 1904) schreibt, daß, „sich in letzter Analyse die Beweisführung
(von Marx) auf ein Postulat der Moral gründet. Die Gerechtigkeit verlangt, daß
ein jeder Arbeitende den vollkommenen Ertrag seiner Arbeit erhalte“.
Nicht genau dasselbe sagt Landry (in einem Band, der Vorträge verschiedener
Verfasser enthält: Etudes sur la Philosophie morale au XIX« siede,
S. 164). Nach seiner Ansicht ist die Moral Marx’ possibilistisch, d. h. er nennt
alles das moralisch, was die wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen bestrebt ist, und
unmoralisch alles das, was sie zu zerstören sucht.
3 ) Daher bringt man heute den Neomarxismus mit Gedanken in Verbindung, die ihm
anscheinend kontradiktorisch gegenüberstehen, nämlich mit den neueren philosophischen
Lehren des Pragmatismus und denen Bergson’s (Siehe Guy Grand, La Philosophie
syndicaliste).