Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Der  Marxismus.

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und  Weise  eintreten,  die  sogar  von  den  Marxisten  als  die  wahrscheinlichste ­
  betrachtet  wird  und  zwar  unter  der  Form  einer  wirtschaftlichen ­
  Krisis,  in  der  der  Kapitalismus  untergehen  wird,  einer
Krisis,  die  geradezu  die  notwendige  Folgeerscheinung  der  kapitalistischen ­
  Ordnung  ist,  so  daß  er  in  einer  Art  Selbstmord,  in  „Selbstzerstörung“ ­
  endet.  Wie  wir  gesehen  haben  (S.  528),  spielen  die
Krisen  eine  recht  große  Eolle  in  der  marxistischen  Lehre.
Wenn  aber  der  Marxismus  nicht  notwendigerweise  die  Anwendung ­
  von  Gewalt  bedingt,  so  schließt  er  sie  doch  auch  nicht  aus.
Er  betrachtet  sie  sogar  als  ziemlich  wahrscheinlich,  weil  der  Entwickluugsvorgang
  kaum  genügen  wird,  die  neuen  sozialen  Formen
aus  den  alten  ohne  Störung  zur  Entfaltung  zu  bringen,  den  Schmetterling ­
  aus  der  Puppe  zu  lösen.  „Die  Gewalt  ist  die  Hebamme  jeder
gebärenden  Gesellschaft').“
Hier  ist  keine  falsche  Gefühlsseligkeit  am  Platze.  Elend  und
Leiden  sind  unentbehrliche  Triebfedern  der  Entwicklung.  Wenn
man  die  Sklaverei,  die  Hörigkeit,  die  Expropriation  der  Handwerker
durch  die  Kapitalisten  usw.  hätte  verhindern  können,  so  würde  man
diese  Triebfedern  der  Entwicklung  verbogen  haben  und  es  wäre
mehr  Übel,  als  Gutes  daraus  entstanden  2 j.  Jeder  Zustand  bringt
gewisse  unglückselige,  aber  für  das  Kommen  der  höheren
Formen  unentbehrliche  Bedingungen  mit  sich.  Aus  diesem
Grunde  würden  die  Eeformbestrebungen  der  bürgerlichen  Philanthropen
und  ihre  Predigten  vom  sozialen  Frieden  verderblich  sein,  wenn  sie
Erfolg  hätten.  „Ohne  Antagonismus  kein  Fortschritt“.  Man  darf
nicht  übersehen,  daß  diese  hochmütige  Gleichgültigkeit  für  die  mit
Übergangsperioden  verbundenen  Leiden  selbst  ein  Erbteil  der  klassischen ­
  Schule  und  eine  weitere  Ähnlichkeit  mit  ihr  ist.  Gerade  so
drückte  auch  sie  sich  aus,  wenn  sie  auf  die  Konkurrenz,  den  Maschinismus, ­
  und  die  Vernichtung  der  Kleinindustrie  durch  die  Großindustrie ­
  zu  sprechen  kam.  Der  Marxismus  läßt  als  Eeformen  nur  die
gelten,  die  den  Zweck  haben,  nicht  „die  Gesellschaft  zu  reformieren“,
sondern  der  Eevolution  Vorschub  zu  leisten  und  sie  zu  beschleunigen,
die  „die  Geburtswehen  abkürzen  und  mildern  können“  8 ).
')  Marx,  Misere  de  la  Philosophie.  Was  bedeutet  übrigens  das  Wort
fievolte?  Einfach  die  Tatsache  des  Ungehorsams  gegen  die  Gesetze.  Was  für  Gesetze ­
  regieren  uns  nun  aber?  Produkte  des  bürgerlichen  Milieus,  genau  wie  die
Einrichtungen,  deren  Schutz  sie  bezwecken.  Die  Keyolution  wird  einfach  darin  bestehen, ­
  diese  Gesetze  durch  andere  Gesetze  zu  ersetzen;  hierfür  ist  es  aber  unerläßlich,
daß  sie  ihren  Stützpunkt  außerhalb  derselben  nimmt.
a )  „Die  schlechte  Seite  ist’s,  welche  die  Bewegungen  ins  Leben  ruft,  welche  die
Geschichte  macht,  dadurch  daß  sie  den  Kampf  zeitigt“  (Elend  der  Philosophie, ­
  S.  116).
3 )  Vorwort  zum  Kapital,  S.  XI.
            
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