Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.  557

zur  Zeit  der  Hirtenvölker  bestand,  und  wie  es  heute  noch  unter  den
Nomaden  des  Orientes  herrscht.
2.  Die  Wahl-Erbfolge-Familie  („La  famille-souche“).  —  Die
Kinder  und  Enkel  bleiben  nicht  mehr  unter  der  väterlichen  Autorität
zusammen.  Sie  zerstreuen  sich  und  gründen  neue  Familien;  nur  ein
einziger  bleibt  im  Hause.  Dies  ist  der  vom  Vater  bezeichnete  Erbe,
der  seine  Stelle  einnehmen  wird,  nachdem  er  während  seines  ganzen
Lebens  mit  ihm  zusammen  gearbeitet  hat.  Die  Wahl  dieses  Erben  beruht ­
  aber  hier  auf  dem  väterlichen  Willen  und  ist  nicht  durch  ein
zwingendes  „Recht  des  Ältesten“  beschränkt.  Die  Erbschaft  geht  auf
den  würdigsten  über  oder  auf  alle  Fälle  auf  den,  der  am  besten  dazu
geeignet  ist,  sie  zu  bewahren.  Diese  Einrichtung  genügt,  wie  Lb  Play
sagt,  um  die  außerordentliche  Stabilität  Chinas  zu  erklären.  Auf  ihr
beruht,  auch  wenn  sie  schon  etwas  erschüttert  ist,  die  Kraft  und  die
Lebensfähigkeit  Englands.  Noch  gibt  es  in  Frankreich  einige  Gegenden, ­
  wo  dieses  System,  trotz  des  Code  civil,  sich  hat  halten  können.
Die  Geschichte  der  Familie  Melouga,  Bauern  der  Pyrenäen,  kehrt
jeden  Augenblick  wie  ein  Leitmotiv  in  den  Schriften  Lb  Play’s  und
seiner  Schüler  wieder  (übrigens  ist  diese  Familie  beute  ausgestorben).
3.  Die  unbeständige  Familie  („La  famille  instable“).  —
In  ihr  verlassen  alle  Kinder,  sobald  sie  das  Alter  der  Selbständigkeit
erreicht  haben,  das  Haus,  ein  jedes  für  sich.  Beim  Tode  des  Vaters
wird  die  schon  verstreute  Familie  definitiv  aufgelöst;  das  Erbe  wird
durch  die  gleiche  Zwangsteilung  zerstückelt,  und  der  landwirtschaftliche ­
  oder  industrielle  Betrieb,  wenn  es  einen  gibt,  wird  liquidiert.
Dies  System  hat  sich  aus  dem  Individualismus  ergeben  und  charakterisiert ­
  fast  alle  modernen  Gesellschaften  und  besonders  Frankreich.
Von  diesen  drei  typischen  Familienordnungen  ist  nur  die  zweite
Le  Play  völlig  sympathisch,  weil  sie  es  ist,  die  am  besten  das  Gleichgewicht ­
  zwischen  den  beiden  antagonistischen  Kräften  aufrecht  erhält, ­
  die  für  das  soziale  Leben  gleicherweise  unentbehrlich  sind,
nämlich  das  Streben  auf  Beibehaltung  des  Alten  und  das  Streben
auf  Einführung  des  Neuen.  Unter  der  Herrschaft  der  patriarchalischen ­
  Familie  tritt  das  erste  zu  stark  hervor 1 );  aber  unter  der  der
unbeständigen  Familie  verschwindet  es  zu  sehr.  Es  wird  hier  zu
einem  Gewebe  der  Penelope,  wo  die  Arbeit  jeder  Generation  jedesmal
ganz  und  gar  neu  zu  tun  ist.  Und  diese  periodische  Teilung  gibt

b  „Sie  (die  Patriarchal-Ordnung)  hält  in  der  Arbeitsordnung  und  in  der
Gesamtheit  der  sozialen  Beziehungen  mehr  die  Anhänglichkeit  an  die  Vergangenheit ­
  als  die  Sorge  um  die  Zukunft,  den  Gehorsam  mehr  als  die  Initiative  aufrecht...
Die  Familiengemeinschaft  hemmt  den  Aufschwung,  den  die  bedeutenden  Individualitäten ­
  in  der  Familie  in  unabhängiger  Lage  hätten  nehmen  können•'  (Reforme
Sociale,  B.  III).
            
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