Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

ob  die  Physiokraten  zur  Verneinung  aller  Gesetzgebung,  aller  Autorität,  j
mit  einem  Wort:  zur  Abschaffung  des  Staates  gelangen  müßten.
Es  ist  sicherlich  wahr,  daß  die  Physiokraten  dafür  waren,  die
Gesetzgebungsmaschine  auf  ein  Minimum  zu  reduzieren,  und  sie  haben
sogar  erklärt,  was  nach  ihnen  die  Anti-Interventionisten  so  oft  wiederholen ­
  sollten,  daß  das  nützlichste  Werk  der  Gesetzgebung  darin  bestehe, ­
  die  unnützen  Gesetze  abzuschaffen 1 ).  Fest  steht,  daß  nach
ihnen,  wenn  man  einmal  neue  Gesetze  zu  Hilfe  nehmen  muß,  sie
nichts  weiter  als  die  Niederschrift  der  ungeschriebenen  Naturgesetze
sein  sollten.  „Weder  die  Menschen  noch  die  Regierung  machen  die  ,
Gesetze  und  sie  können  sie  auch  nicht  machen.“  Sie  erkennen  ;
sie  als  in  Übereinstimmung  mit  der  höchsten  Vernunft,  die  die  Welt
regiert  und  übergeben  sie  der  Gesellschaft  .  .  .  Deshalb  sagt  man:  |
Gesetzesträger  „legislateurs“  und  man  hat  noch  niemals  gewagt,
von:  Gesetzesmachern  „legisfacteurs“  2  3  *  * )  zu  sprechen.  Hier  würde  eine
Menge  mehr  oder  weniger  authentischer  Anekdoten  ihren  Platz  finden.
So  erzählt  man  z.  B.  oft  von  Meeceee  de  la.  Revieee,  daß  er,  von  der
großen  Katharina  nach  Petersburg  berufen,  um  die  Grundlage
einer  Verfassung  zu  entwerfen,  ihr  geantwortet  habe:  er  würde  sich
wohl  hüten,  dies  zu  tun,  da  man  „nur  der  Natur  der  Dinge  ihren
Lauf  lassen  brauche“,  worauf  ihm  die  Kaiserin  glückliche  Reise  wünschte.
Nichtsdestoweniger  würde  es  ein  großer  Fehler  sein,  etwa  in  den
Physiokraten  die  Vorläufer  der  Anarchisten  zu  sehen.  Sie  wollten
so  w r enig  wie  möglich  Gesetzgebung,  aber  sie  wollten  so  viel  wie
möglich  Autorität,  —  was  nicht  dasselbe  ist.  Sie  wollten  sie  aber
nicht,  wie  unsere  heutigen  Liberalen,  beschränkt  und  unter  genauer
Kontrolle;‘ihr  Regierungsideal  ist  nicht  die  sich  selbst  regierende
Demokratie  wie  die  griechischen  Republiken,  ja  nicht  einmal  die  parlamentarische ­
  Regierungsform  wie  in  England;  im  Gegenteil  alles  dies  1
verabscheuten  sie 8 ).-*
’)  „Schafft  die  unnützen,  ungerechten,  widerspruchsvollen  und  absurden  Gesetze
ab,  und  ihr  werdet  sehen,  ob  viel  davon  übrig  bleibt“  (Baudeau,  S.  817).  BoisguillbbbbI
hatte  60  Jahre  vorher  geschrieben:  „Zur  Schaffung  eines  recht  großen  Wohlstandes
handelt  es  sich  nicht  darum,  etwas  zu  tun,  sondern  mit  dem  Tun  aufzuhören,  |
was  nur  einen  Augenblick  beansprucht.“
3 )  Quesnay,  Maxim  es  I,  S.  390.  Auch  Mbkcier  de  la  Eiviüre  schreibt  im
gleichen  Sinn:  „Die  positiven  Gesetze  sind  alle  gegeben;  sie  können  nichts  anderes,
als  Feststellungen  zur  Erklärung  der  natürlichen  Rechte  sein“  (II,  S.  61).  Das  liest
sich  wie  ein  Vorwort  zur  „Declaration  des  Droits  de  l’homme“.
3 )  „Der  politischen  Freiheit  brachten  die  Physiokraten  die  größte  Verachtung
entgegen.“  —  Esmein,  La  Science  politique  des  Physiocrates  (Die  Wissenschaft ­
  von  der  Politik  bei  den  Physiokraten:  Eröffnungsrede  des  Kongresses  der  gelehrten ­
  Gesellschaften,  Paris  1906).
„Die  griechischen  Republiken  haben  niemals  die  Gesetze  der  Ordnung  g' e "
kannt.  .  .  .  Diese  unruhigen,  zur  Vergewaltigung  geneigten,  tyrannischen  Stämi» 6  *
            
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