Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  nnd  ihre  Anwendungen.  657

auf  einer  verwickelten  und  gelehrten  wirtschaftlichen  Theorie.  Daher
ist  sie  auch  eine  ausgezeichnete  politische  Plattform.  Bei  näherem
Zusehen  erscheint  sie  aber  ein  wenig  kindlich.
Die  Bewirtschaftung  auch  des  kleinsten  Feldes  erfordert  Kapitalien.
Die  Anhänger  des  freien  Bodens  scheinen  dies  zu  vergessen.  Und
diese  Kapitalien  sind  oft  mehr  als  das,  worüber  ein  einfacher  Arbeiter
verfügen  kann.  Auch  trägt  die  Erde  nicht  das  ganze  Jahr  hindurch;
der  Saat  muß  Zeit  gelassen  werden,  zu  keimen.  Wenn  dem  Arbeiter
genügend  Mittel  zur  Verfügung  stehen,  um  die  Ernte  abzuwarten,
wird  er  vermutlich  auch  genügend  Mittel  haben,  um  im  Falle  der
Arbeitslosigkeit  neue  Arbeit  abwarten  zu  können.  Etwas  Geld  in
der  Sparkasse,  über  das  er  sofort  verfügen  kann,  wird  ihm  zweifellos
mitten  im  Winter  größere  Hilfe  gewähren,  als  irgendein  Stückchen
Land,  das  sich  vielleicht  in  weiter  Entfernung  befinden  mag.  Und
dann  verlangt  die  Bewirtschaftung,  auch  mit  Kapitalien,  gewisse
Fähigkeiten.  Landwirt  wird  man  nicht  im  Handumdrehen.  Man  kann
ein  ausgezeichneter  Fabrikarbeiter  und  doch  ein  sehr  schlechter  Bauer
sein.  Die  Erfahrungen,  die  man  mit  landwirtschaftlichen  Kolonien
gemacht  hat,  beweisen,  daß  die  Arbeitslosen  im  allgemeinen  mittelmäßige ­
  Landarbeiter  sind.  Die  Anhänger  des  freien  Bodens  scheinen
sich  daher  über  die  Wirksamkeit  ihres  Heilsmittels  Illusionen  hinzugeben, ­
  und  wir  fürchten,  daß  ein  praktischer  Versuch  ihnen  nur  zu
schnell  eine  grausame  Enttäuschung  bringen  würde 1 ).  i)

i)  Wenn  wir  auch  zu  unserem  Bedauern  gezwungen  gewesen  sind,  die  italienischen ­
  Volks  Wirtschaftler  aus  unserem  Programm  auszuschließen,  so  wäre  doch
hier  der  richtige  Platz,  einige  Worte  über  die  Ideen  des  Volkswirtschaftlers  Achills
Loria  zu  sagen.  Niemand  hat  die  Kunst,  über  national-ökonomische  Fragen  zu
schreiben,  zu  größerer  Vollkommenheit  als  er  gebracht.  Über  dem  Gedanken  des
freien  Bodens  hat  er  ein  ganzes,  großartiges  Gebäude  wirtschaftlicher,  sozialer  und
politischer  Geschichte,  ja  sogar  das  einer  Geschichte  der  Religion  errichtet  und  in
zahlreichen  Bänden  entwickelt,  in  denen  sich  sicherlich  eine  ganz  außerordentliche
Vorstellungskraft  ausspricht.  Man  findet  eine  Zusammenfassung  davon  in  einem
Vortrao-,  der  1892  in  der  Revue  d’Economie  Politique,  ins  Französische  übersetzt ­
  unter  dem  Titel:  La  terre  et  le  Systeme  social  erschienen  ist.  Wir
können  hier  nicht  näher  auf  das  System  Loria’s  eingehen.  Der  Hinweis  muß  genügen,
daß  Loria  in  seiner  Constituzione  economica  odierna  (1900)  verlangt,  das
Gesetz  solle  einem  jeden  Menschen  das  Anrecht  auf  Boden  zusprechen;  sei  es  auf  eine
Grund-Einheit  (unite  fonciere)  (d.  h.  auf  die  Feldgröße,  die  notwendig  ist,
um  ihm  zu  gestatten,  von  seiner  Arbeit  als  selbständiger  Besitzer  zu  leben),  wenn
die  Bevölkerungsdichte  und  die  Oberfläche  des  Landes  dies  gestatten;  sei  es  auf
nur  einen  Teil  dieser  Einheit,  wenn  die  verfügbare  Oberfläche  das  erstere  unmöglich ­
  macht.
Es  ist  das  jedoch  eine  theoretische  Lösung.  In  der  Praxis  zeigt  sein  Heilmittel
eine  mildere  Form  in  der  Gestalt  eines  Bodenlohnes  (salaire  territorial).
Es  würde  darin  bestehen,  daß  der  Arbeitgeber  verpflichtet  wäre,  seinen  Arbeitern
„außer  dem  notwendigen  Lohn  am  Ende  einer  Anzahl  von  n  Jahren  eine  Bodenein-Gide
  und  Rist,  Gesoh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  42
            
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