Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

der  Vorschüsse  und  von  dem  Unterhalt  der  industriellen  und  landwirtschaftlichen ­
  Klassen  aufgezehrt.  Wenn  nun  die  Steuern  einen
Teil  dieser  Einkünfte,  deren  Verwendung  unantastbar  ist,  aufbrauchen,
so  würde  nach  und  nach  die  Quelle  des  Reichtums  versiegen.  Wenn
aber  im  Gegenteil  nur  der  Überfluß,  den  der  Reinertrag  vorstellt,
genommen  wird,  und  mit  noch  größerer  Berechtigung,  wenn  nur  ein
Teil  dieses  Überflusses  genommen  wird,  so  kann  die  zukünftige
Gütererzeugung  in  keiner  Weise  benachteiligt  werden.
Das  ist  durchaus  klar.  Wo  aber  wird  der  Staat  diesen  Reinertrag ­
  fassen?  —  Bei  denen,  die  ihn  erhalten,  also  bei  den  besitzenden
Klassen,  so  daß  wir  zu  dem  bemerkenswerten  Schlüsse  kommen,  daß
die  ganze  Steuer  von  den  Grundbesitzern  gezahlt  werden  muß.  Einige
Seiten  vorher  hat  uns  das  Privilegium,  das  die  Physiokraten  ihnen
ohne  weiteres  zusprachen,  etw T as  befremdet;  dies  ist  das  Lösegeld,
und  es  ist  nicht  gering!  Wie  und  nach  welchem  Satze  soll  nun  der
Betrag  festgelegt  werden?
Die  Physiokraten  wollen  keineswegs  die  Grundbesitzer  ihres  Einkommens ­
  berauben,  da,  wie  wir  gesehen  haben,  sie  sich  große  Mühe
gaben,  es  mit  vielen  Gründen  zu  rechtfertigen.  Nicht  nur  wollen  sie
ihnen  alles  das  lassen,  was  für  die  Rückzahlung  ihrer  Grundvorschüsse ­
  und  ihrer  ünterhaltungkosten  notwendig  ist,  sondern  auch
alles  das,  was  gebraucht  wird,  um  den  Stand  des  Besitzers  „möglichst
zu  heben“ 1 ).  Diese  Sorge,  die  uns  ganz  eigentümlich  erscheint,  wird
den  Physiokraten  von  dem  Gefühl  der  Bedeutung  der  sozialen  Rolle
der  besitzenden  Klasse  diktiert.  „Wenn  irgendein  anderer  Stand“,
sagt  Düpont  de  Nemours,  „dem  der  Grundbesitzer  vorzuziehen  wäre,
würden  sich  alle  Menschen  diesem  anderen  Stande  zuwenden.  Sie
würden  es  unterlassen,  ihre  beweglichen  Güter  zur  Schaffung,  Verbesserung ­
  und  Unterhaltung  von  Landgütern  zu  verwenden.“  Muß
man  aber  nicht  in  diesem  Falle  fürchten,  daß  alle  Menschen  sich
dem  Stande  des  Grundbesitzers  zuwenden  und  alle  anderen  Beschäftigungen ­
  vernachlässigen  werden?-  Nein!  die  Physiokraten  haben
diese  Furcht  nicht,  sei  es,  weil  sie  denken,  daß  es  in  einem  Lande
nicht  zuviele  Grundbesitzer  geben  kann,  sei  es,  weil  sie  denken,  daß,
wie  das  Land  selbst,  so  auch  die  Anzahl  der  Grundbesitzer  von  Natur
begrenzt  ist.
Und  zum  Schlüsse  kommen  die  Physiokraten  zu  einem  Steuersatz ­
  von  einem  Drittel,  nach  Baudeau  sogar  nur  von  6 / 20  des  Reinertrages ­
  (also  30%)-  Wenn  man  für  den  Reinertrag  2  Milliarden

*)  „Das  Verhältnis  der  Stenern  zum  Reinertrag  muß  so  sein,  daß  die  Lage  der
Grundbesitzer  die  bestmögliche  ist,  und  daß  ihr  Stand  jedem  anderen  in  der  Gesellschaft ­
  yorgezogen  wird“  (Dopont,  S,  356).
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.