Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit. 
Verschiedenartigen — stets am heftigsten gewesen sind, und daß 
daher jeder Fortschritt zur Einheit ein Fortschritt zum Frieden ist 1 ). 
Diese letzte Auffassung scheint uns am besten der Idee zu 
entsprechen, die wir uns von der Solidarität machen müssen, und sie 
hat auch den größten moralischen Wert: denn wenn ich für Übel, die 
der andere erleidet, verantwortlich und Mittäter des Übels, das er 
verübt, sein soll, so ist dies nur in dem Maße richtig, wie der andere 
Ich selbst ist * 2 j. Das hat zur praktischen Folge, daß wir d i e Arten 
der Assoziation bevorzugen müssen, die die Menschen auf Grund 
ihrer allgemeinsten Charakterzüge zusammenschließen, gegenüber 
denen, die sie auf Grund besonderer Charakteranlagen gruppieren, 
z. B. die Konsumgenossenschaft gegenüber der Gewerkschaft, denn 
diese stellt das Interesse der Produzenten dem des Publikums ent 
gegen, während jene die allgemeinste Form der Vergesellschaftung 
ist, die man sich vorstellen kann, da alle Menschen nur eine Eigen 
schaft gemeinsam haben, nämlich, Konsumenten zu sein. 
§ 3. Die praktische Anwendung der solidaristischen 
Lehren 3 ). 
Es gibt keine klar umrissene solidaristische Schule in dem Sinne, 
wie wir von einer historischen oder liberalen oder marxistischen 
Schule gesprochen haben. Der Solidarismus ist vielmehr ein Banner, 
das von den verschiedensten Schulen aufgepflanzt worden ist und 
dazu dient, oft recht anseinanderstrebende Richtungen zu recht- 
fertigen. Und dann steht er, wie wir schon gesagt haben, mehr im 
Dienste einer politischen Partei, der der Radikalsozialisten, als in 
dem einer doktrinären Schule. Aber hinter ihm stand auch die inter 
ventionistische Schule oder der Staatssozialismus. Alle sozial-politi 
schen Gesetze dieser letzten 20 Jahre, und die, deren Durchführung 
3 ) In diesem Sinne hatte der Lausanner Philosoph Chahlbs SbcrStan die Soli 
darität in seinem Buche: La (Zivilisation et la Croyance verstanden, und so 
findet sie sich auch bei Alfred Pouill£e: „Die Solidarität hat den Wert einer Ge 
dankenkraft (idee-force), die Anerkennung einer tiefgehenden Identität unter den 
Menschen, eines Ideals vollkommener Einheit; ans diesem Grunde wird sie, als höchster 
Gegenstand des rationellen Wünschens, für das vernunftbegabte Wesen zu einer 
Pflicht.... Wir müssen die Einheit des Menschengeschlechts vorwegnehmen, die noch 
nicht vollständig ist und es niemals sein wird, indem wir handeln, als ob wir schon 
Alle in Einem und Einer in Allen wären“ (Revue desDeuxMondes, 15. Juli 1901). 
2 ) Mit seiner gewöhnlichen Autorität hatte Auguste Comte gesagt; „Die Soli 
darität beruht gerade darauf, daß die Menschen sich als gegenseitig einer für den 
anderen verantwortlich betrachten“ (Traite de Politique, B. II, S. 336). 
3 ) Siehe eine Sammlung von Vorträgen verschiedener Verfasser unter dem Titel; 
Les applications sociales de la Solidarite, 1904.
	        
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