Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Was  nun  schließlich  die  Behauptung  der  Volkswirtschaftler  anlangt, ­
  daß  die  Tauschwirtschaft  schon  alles  an  Solidarität  darstellt,
was  wünschenswert  und  mit  der  Gerechtigkeit  vereinbar  ist,  so  treten
alle  Schulen,  deren  Geschichte  wir  in  diesem  Buche  verfolgt  haben,
dieser  Behauptung  entgegen,  sogar  ohne  die  Tochter  der  klassischen
Schule,  die  mathematische  Schule,  auszunehmen.  Die  Tauschhandlungen ­
  zwischen  einem  Esau  und  einem  Jakob,  zwischen  der
Kongogesellschaft  und  den  Schwarzen,  den  Unternehmern  und  den
Heimarbeiterinnen  sind  vom  hedonistischen  Gesichtspunkt  aus  untadelig
(siehe  oben  S.  613—614).  Niemand  aber  wird  wagen,  diese  brutalen
Tauschhandlungen,  die,  wie  Peoudhon  beredt  sagt,  auf  dem  Wiedervergeltungsrecht, ­
  —  Auge  um  Auge,  Zahn  um  Zahn  —  beruhen,  als
eine  Verwirklichung  der  Solidarität  hinzustellen.
Trotz  seiner  anscheinend  mathematischen  Gleichwertigkeit,  und
obschon  er  als  Symbol  die  Wage  führt,  vermittelt  der  Austausch  den
Austauschenden  niemals  gleiche  Teile,  weil  sie  selbst  niemals  auf
dem  Fuße  völliger  Gleichheit  zueinander  stehen,  selbst  wenn  nicht
irgend  ein  Brennus  sein  Schwert  in  eine  der  Wagschalen  wirft.
Was  kann  man  hiergegen  tun,  wird  man  fragen?  Wohl  oder  übel
muß  man  sich  damit  abfinden.  Solange  die  Beziehungen  zwischen
den  Menschen  einzig  durch  den  Tausch  und  seine  Unterarten,  wie
Verkauf,  Darlehen,  Pacht,  Lohnkontrakt  bestimmt  sind,  ist  das  allerdings ­
  der  Fall;  es  wird  aber  sofort  anders,  wenn  diese  Beziehungen
sich  durch  das  Mittel  der  Assoziation  bilden,  sei  das  nun  die  berufliche, ­
  die  mutualistische  oder  die  kooperative 1 ).
So  zahlt  der  Arbeiter  Beiträge  an  seine  Gewerkschaft,  um  sie
mächtig  zu  machen:  er  rechnet  natürlich  darauf,  durch  sie  zu  höherem
Lohn  zu  gelangen,  aber  zwischen  dem  Gewerkschaftsbeitrag  und  dem
möglichen  Gewinn  gibt  es  keine  notwendige  Beziehung.  In  gleicher
Weise  steuert  das  Mitglied  einer  Versicherung  auf  Gegenseitigkeit
zu  seiner  Gesellschaft  bei,  um  sich  Sicherheit  gegen  Gefahren  und
Schäden  zu  verschaffen:  er  rechnet  zwar  darauf,  daß  die  Gesellschaft
seinen  Arzt  bezahlt,  wenn  er  krank  wird,  aber  viele  zahlen  ihr  ganzes
Leben  hindurch,  ohne  die  Hilfe  der  Gesellschaft  in  Anspruch  zu
nehmen,  und  viele  erhalten  bedeutend  mehr,  als  sie  eingezahlt  haben:

*)  Die  Assoziation  hat  sogar  bei  Gewinnabsicht  einen  moralischen  Wert,  der
dem  des  Tausches  überlegen  ist;  1.  indem  sie  nicht  nur  wie  der  Tausch  eine  Geldzahlung ­
  bedingt,  sondern  ein  gewisses  persönliches  Opfer  unserer  Zeit,  unserer
Mühe  und  unserer  Unabhängigkeit,  wäre  es  auch  nur  die  Verpflichtung,  den  Versammlungen ­
  beiznwohnen  und  die  Statuten  zu  beachten;
2.  indem  sie  nicht  nur  wie  der  Tausch  eine  einzelne  augenblickliche  und  ein
für  alle  Male  ausgeführte  Handlung  bedingt,  sondern  ein  unbegrenztes  Zusammenarbeiten ­
  der  Beteiligten.
            
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