Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

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Natur  selbst  gegebenen  Norm,  nämlich  dem  Reinertrag  bemißt,  ohne
die  der  Willkür  Tor  und  Tür  geöffnet  ist 1 ).  Im  Grunde  genommen,
ist  dies  eine  viel  wirksamere  Schranke  gegen  die  Allmacht  des  Herrschers, ­
  als  jene,  die  auf  der  phantastischen  Abstimmung  eines  Parlaments ­
  beruht.
Wie  man  weiß,  ist  das  System  der  Physiokraten  und  im  besonderen ­
  ihr  fiskalisches  System  von  einem  ihrer  Schüler  in  die  Tat
umgesetzt  worden,  der  den  Vorzug  hatte,  als  Fürst  Experimente  an
seinen  Untertanen  anstellen  zu  können,  und  zwar  vom  Markgrafen
Karl  Friedrich  von  Baden  in  drei  Gemeinden  seines  Landes.  Wie
alle  Experimente  mit  sozialen  Systemen  schlug  auch  dieses  fehl.  In
2  Gemeinden  mußte  man  es  nach  Ablauf  von  4  Jahren  (1772—1776)
aufgeben;  in  einer  dritten  hielt  es  sich,  mit  Not  und  Mühe,  bis  zum
Jahre  4£0ör  Die  Steigerung  der  Grundsteuer  verursachte  einen  wahren
Krach  im  Werte  der  Güter,  während  zu  gleicher  Zeit  die  Abschaffung
der  Verbrauchssteuer  Kneipen  wie  Pilze  aus  dem  Boden  schießen
ließ 2 ).  Selbstverständlich  wurde  der  Glaube  des  Markgrafen,  wieder
seiner  Meister,  der  Physiokraten,  von  diesem  Mißerfolg  nicht  erschüttert;
sie  erklärten,  daß  sie  einen  Versuch  in  so  kleinem  Maßstab  nicht  als
entscheidend  anerkennen  könnten.  Das  sagen  alle  Erfinder  von
Systemen,  wenn  die  angestellten  Versuche  fehlschlagen,  und  man
kann  nicht  umhin,  zuzugeben,  daß  sie  nicht  ganz  Unrecht  haben.
Aber  nicht  in  diesem  kleinen  fürstlichen  Zeitvertreib  muß  man
die  Anwendungen  des  fiskalischen  Systems  der  Physiokraten  suchen:
es  hatte  eine  viel  größere  Tragweite.
Die  französische  Revolution  geht  zunächst  in  ihrem  fiskalischen
System  unmittelbar  von  den  physiokratischen  Ideen  aus,  da  die  Assemblee
Constituante  von  einem  Budget,  das  nicht  500  Millionen  überschritt,
fast  die  Hälfte,  240  Millionen,  von  der  Grundsteuer  verlangte,  was  in
unserem  heutigen  Budget  fast  2  400000000  Fr.  vorstellen  würde  (!),
ohne  Einschluß  der  Zusatzsteuer  (!),  und  dabei  wurde  noch  der  größere
Teil  des  Restes  durch  direkte  Steuern  erhoben.

0  „Sollte  es  unglücklicherweise  wahr  sein,  daß  drei  Zehntel  des  Gesamtboden-Reinertrages
  nicht  genügen  würden,  um  die  laufenden  Ausgaben  zu  decken,  so  bliebe
nur  eine  gerechte  und  vernünftige  Lösung,  die  sich  aas  dieser  Tatsache  ergeben  kann
übrig,  nämlich  die  Notwendigkeit,  die  Ausgaben  verursachenden  Posten  zu  verringern“ ­
  (Dupont  de  Nemoubs,  S.  775).
„Es  kommt  den  Menschen  nicht  zu,  die  Steuern  nach  ihrem  Gutdünken  zu  verteilen; ­
  es  besteht  hierfür  eine  genau  von  der  natürlichen  Ordnung  vorgeschriebene
Form“  (Dupont,  Sur  l’origine  d’une  Science  nouvelle).  Sie  bestreiten  ebenfalls, ­
  daß  der  Staat  die  natürliche  Grenze  durch  Anleihen  überschreiten  darf,  da  das
doch  nur  eine  Erhöhung  aufgeschobener  Steuern  darstellt.
2 )  Vgl.  die  lehrreiche  Broschüre  vonG-ABgou:  Unprince  allemand  physiocrate,
  die  nach  zwei  Bänden  von  Briefen  zusammengestellt  ist.
            
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