Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

steht,  nicht  aus  unseren  Tugenden  entsteht,  sondern  aus  dem,  was
Mändeville  unsere  Laster  nennt.  Mit  anderen  Worten,  aus  den
zahllosen  natürlichen  Bedürfnissen,  die  uns  nach  Wohlstand,  Bequemlichkeit, ­
  Luxus  und  allen  Vergnügungen  des  Lebens  streben
lassen.  Eine  Apologie  des  natürlichen  und  eine  Kritik  des  tugendsamen
  Menschen.
Smith  hat  Mändeville  in  seiner  „Theorie  der  moralischen
Gefühle“  kritisiert 1 ).  Er  wirft  ihm  im  besonderen  vor:  Wünsche
und  Neigungen,  die  an  und  für  sich  nichts  verwerfliches  haben,
Laster  zu  nennen.  Aber  trotz  dieser  Einschränkung  hat  die  Idee
Mandevjlle’s  im  Geiste  Smith’s  ihre  Früchte  getragen:  unermüdlich
wiederholt  er,  daß  es  das  persönliche  Interesse  ist  (das  in  seinen
Augen  kein  Laster  vorstellt,  wenn  es  auch  nur  den  Namen  einer
„untergeordneten  Tugend“  verdient),  das  unbewußt  und  auf  natürlichem ­
  Wege  die  Menschheit  zum  Glück  und  zum  Wohlstände  leitet.
So  ist  der  Reichtum  einer  Nation  für  Smith,  wie  für  Mändeville
die  Wirkung,  wenn  auch  nicht  eines  „Lasters“,  so  doch  wenigstens
eines  natürlichen  Instinktes,  der  an  und  für  sich  nichts  tugendhaftes
hat,  und  dessen  die  Vorsehung  sich  ohne  unser  Wissen  bedient,  um
Zwecke  zu  erreichen,  die  weit  über  den  Bereich  unserer  Absichten
hinausgehen.
Das  sind  die  hauptsächlichsten  Schriftsteller,  bei  denen  wir  schon
einige  der  bedeutendsten  Ideen  ausgedrückt  finden,  die  Smith  späterhin
in  ein  wirkliches  System  zu  verschmelzen  wußte.
Die  Lösung  dieser  Aufgabe  jedoch  würde  nicht  genügt  haben,
um  seinem  „Wealth  of  Nations“  ihren  einzigartigen  Platz  zu  sichern.
Schon  vor  Smith  hatte  Qüesnay  und  die  Pbysiokraten  die  volkswirtschaftlichen ­
  Erscheinungen  in  ihrer  Gesamtheit  betrachtet  und
sie  mit  einigen  einfachen  Grundsätzen  in  Zusammenhang  gebracht.
Er  ist  daher  nicht  der  erste,  der  hierin  ein  wirklich  wissenschaftliches ­
  Werk  geleistet  hat.  Jedoch  tritt  gerade  hierin  die  Überlegenheit ­
  Smith’s  ganz  besonders  hervor  und  gibt  uns  einen  dritten
Grund  für  seinen  Erfolg.
c)  Smith  verdankt  den  Pbysiokraten  viel.  Er  stand  zwar,  außer
während  seines  Aufenthaltes  in  Paris,  1765,  mit  ihnen  nur  in  geringem
Maße  in  persönlicher  Beziehung.  Trotz  der  kurzen  Dauer  dieser  Beziehungen ­
  ist  ihr  Einfluß  auf  ihn  ein  tiefgehender  gewesen.  Wahrscheinlich ­
  hat  er  nicht  alle  ihre  Werke  gelesen;  so  sind  die  Reflexions ­
  Tuegot’s,  die,  1766  geschrieben,  erst  1769  oder  1770  in
den  Ephemerides  du  citoyen  erschienen,  ohne  Zweifel  nicht  zü

*)  Kap.  IV,  Teil  2,  des  7.  Abschnittes  der  „moral  Sentiments“,  betitelt:
Von  den  lasterhaften  Systemen.
            
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