Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

bot  man  ihnen  einen  festen  Stützpunkt,  von  dem  ans  die  verwickelten
Interessen  der  Landwirtschaft,  der  Industrie  und  des  Handels  ohne
Vorurteil  betrachtet  werden  konnten.  '  Mit  Smith  verließ  man  die
„Systeme“  und  betrat  den  Boden  der  „Wissenschaft“.  --‘
  Um  diese  drei  Punkte  werden  wir  unsere  Betrachtung  seiner
Ideen  gruppieren,  um  sie,  wie  folgt,  zu  untersuchen:
1.  Die  Arbeitsteilung;
2.  Die  spontane  Organisation  der  ökonomischen  Welt  unter  dem
Einfluß  des  persönlichen  Nutzens;
3.  Die  liberale  Politik.  K

1  Quesnay  hatte  geschrieben;  „Die  Landwirtschaft  ist  die  Quelle
aller  Güter  des  Staates  und  aller  seiner  Bürger“  *  1 ).  Mit  dem  ersten
Satze  seines  Buches  erhebt  Smith  gegen  diese  Gedanken  Widerspruch
und  führt  die  Güter  auf  ihren  wirklichen  Ursprung  zurück.  „Die
jährliche  Arbeit  eines  Volkes“,  schreibt  er,  „ist  der  Fonds,  welcher
dasselbe  mit  allen  Bedürfnissen  und  allen  Annehmlichkeiten  des
Lebens  versorgt,^die  es  jährlich  verbraucht,  und  die  immer  entweder
in  dem  unmittelbaren  Erzeugnis  dieser  Arbeit  oder  darin  bestehen,
was  für  dieses  Erzeugnis  von  anderen  Völkern  erhandelt  wird“.
Die  Arbeit  ist  also  die  wirkliche  Quelle  des  Reichtums.  Mit
diesem  berühmten  Satze,  der  zu  so  vielen  Mißverständnissen  Anlaß
gegeben  hat,  wollte  Smith  sicherlich  weder  den  Einfluß  der  Naturkräfte, ­
  noch  den  des  Kapitals  in  der  Produktion  bestreiten 2 ).
Niemand  hat  stärker  als  er  —  vielleicht  J.-B.  Say  ausgenommen  —
die  Bedeutung  des  Kapitals  betont,  und  wir  werden  weiterhin  sehen,
daß  er  dem  Boden  eine  besondere  Produktivität  beimißt.  Smith  hat
aber  von  Anfang  an  den  Gegensatz  seiner  Lehre  zu  der  der  Physiokraten
  hervorheben  wollen.  Er  behauptet,  daß  in  summa  die  Tätigkeit ­
  des  Menschen  jedes  Jahr  die  Menge  der  von  ihm  verbrauchten
Güter  erzeugt,  und  nicht  die  Kräfte  der  Natur,  die  ohne  die
Leitung  des  Menschen  unfruchtbar  und  unnütz  bleiben  würden.

l )  Ausg.  Ducken,  S.  331.
l )  Die  Theorie  der  drei  Produktionsfaktoren  —  die  in  der  Nationalökonomie
klassisch  geworden  ist,  —  findet  sich  nicht  bei  An.  Smith.  Doch  ist  er  es  gewesen,
der  indirekt  diese  Theorie  ins  Leben  gerufen  hat.  indem  er  in  der  Güterverteilung
drei  Einkommenquellen  unterschied;  die  Arbeit,  das  Kapital  und  den  Boden.  Auf
Grund  dieser  Unterscheidung  mußte  es  ganz  natürlich  erscheinen,  jede  Einkommenquelle
  als  einen  Produktionsfaktor  zu  betrachten,  was  J.-B.  Say  in  seinem  Trait®
(2.  Ausg.,  Kap.  IY  u.  V)  tat.  Vgl.  hierüber  Cannan:  A  history  of  the  theories
oi  production  and  distribution  (1894,  S.  40).
            
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