f) Bahnen und Siedlungen. Bahnferne.
Man kann in Rußland an die Vorteile der Bahnverbindungen für
die Siedlungen nicht den Maßstab legen wie in westeuropäischen
Ländern. Auch die Gouvernementshauptstadt Kaluga liegt z. B. 3 W
von ihrem Bahnhof entfernt. Das über 50 000 Einwohner zählende
Njeshin (Tschernigow) liegt 4, das podolische Bar 5 W von seiner Station.
Das sind immerhin für russische Verhältnisse kleine Entfernungen Lei
denen es begreiflich ist, daß keine Lokalbahn in den Stadtkern
wiewohl in Deutschland, zumal es sich um größere Orte handelt, sicher
lich diese Verkehrserleichterung vorhanden wäre. Aber die Städte
haben auch bis zu 12 W zur Bahn, so Mosyr und Lipowez (Gouv. Kiew).
Ja die Stadt Dorogobush (Smolensk) liegt von der gleichnamigen Station
24 W und die Station Perejaslawskaja soll dem Verkehr der 26 W ent
fernt gelegenen Stadt Perejaslaw (Poltawa) dienen. In solchen Fällen
kann man von einer Bahnverbindung natürlich nicht mehr reden. Städte,
die mehr als 7 (Balta) und 8 W (Wassilkow, Gouv. Kiew) von der Bahn
liegen, entbehren des unmittelbaren Bahn Verkehrs 1 ).
Hier soll die Frage erörtert werden, inwieweit überhaupt bisher
den größeren Siedlungen Rußlands der Nutzen einer Bahnverbindung
der österreichisch-ungarischen Verwaltung unterstellt. Soweit die Bahnen in
der russischen Spur gebaut waren, wurden sie in der mitteleuropäischen umgestaltet.
So konnte ein direkter Verkehr von Lods über die ehemalige Breitspurlinie nach
Lowitsch und über die deutsche Spurweitenlinie nach Alexandrowo und Thorn
eingerichtet werden, so daß ein Umsteigen in Lowitsch wegfiel. Die Zugzahl
erreichte begreiflicherweise noch nicht die Stärke des Friedensverkehrs, wies aber
doch auf den meisten Trassen bereits die Hälfte der ehemaligen russischen Zugzahl
auf, so auf der Strecke Skiernewizi—Lowitsch—Alexandrowo (8 statt 16). 8 Züge
verkehrten auch auf der Hauptlinio Orodzisk—Skiernewizi —Sombkowizi—Sosno-
wizi und auf der Strecke Tschenstochow—Herby (vor dem Kriege 10), 13 auf der
Bahn Lods—Koljuschki. Den gleichen Verkehr wie im Frieden hatten die Strecken
Koljuschki—Tomaschow (10 Züge) und Tschenstochow—Kielzi (4 Züge).
In gleichem Sinne arbeiteten die deutschen Bahnverwaltungen auch in der
Richtung auf Warschau nach Eroberung der Stadt. Noch im August war die alte
Warschau-Wiener Hauptbahn völlig betriebsfertig, und vom 1. September ab
liefen 2 Schnellzugpaare von Warschau über Piotrkow und Sosnowizi nach Katto-
witz und ein Schnellzugpaar von Warschau über Alexandrowo nach Berlin. Am
10. September wurde ein weiteres Schnellzugpaar Warschau —Berlin über die neue
Strecke der Warschau-Wiener Bahn (über Sochatschew, Lowitsch, Lods und
Kalisch) geleitet. Der Umbau der Breitspurbahnen ist auch für das rechtsuferige
Polen zu erwarten, so daß noch im Herbst direkte Wagen von Berlin bis Brest
fahren werden. — Am 1. Oktober wurde in Warschau eine neugebildete Militär
eisenbahndirektion (IV) eingerichtet, während die Lodser Linienkommandantur
das Feld ihrer Tätigkeit näher an die Front heran verlegte und zugleich auch die
Geschäfte der neugegründeten Militäreisenbahndirektion (VI) in Brest-Litowsk
übernahm.
J ) Sonst ist es üblich, Entfernungen von über 5 km nicht mehr als eisenbahn
nahe zu bezeichnen. Hassert, Verkehrsgeographie S. 143.