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wenigsten besprochen werden, häufig schnell vorbereitet und ausgeführt
werden. Das alte Elend, daß Projekte, die schon vor vielen Jahren, ja
vor Jahrzehnten genehmigt wurden oder wenigstens zur Debatte standen,
immer noch nicht gebaut werden, beherrscht freilich auch die neueste
Entwickelung. Es ist kaum Zufall, daß der Westen und Süd westen des
Reiches unter diesen Verhältnissen besonders leidet. Wie oben erwähnt
wurde, mußten von der Regierung genehmigte Baupläne, z. B. in der
Gegend von Odessa, wieder kassiert werden. Ähnlich verschwanden
Projekte in den Weichselprovinzen. Es seien nur Warschau—Radom,
Nowo Georgijewsk—Plozk, Lublin—Tomaschow genannt. Wo aber der
Staat den Bahnbau in seine feste Hand nimmt oder Bedingungen an
die Zeitdauer der Ausführung knüpft, da kann die Bauentwickelung häufig
gelobt werden. Freilich bestimmen den Fiskus in solchen Fällen nicht
zuletzt strategische und politische Gründe. Wenn nun auch strategische
Motive den Bau begründeten, so haben die Bahnen doch fast stets die
wirtschaftliche Hebung des neu erschlossenen Bezirks zur Folge.
Im europäischen Reichsteile ist in der jüngsten Bahnpolitik die
Bevorzugung der eigentlich kolonialen Gebiete bemerkenswert: die Taktik
schließt sich also hier der in Asien befolgten an. Unter den zur Aus
führung empfohlenen und teilweise vor dem Kriegsausbruch bereits in
Angriff genommenen Arbeiten seien zunächst die Bauten der politischen
Provinzen genannt.
Die Wladikawkasbahn wird im Süden der Donprovinz ihre Bahnen
Rostow—Tiohorjezkaja und Zarizyn—Tichorjezkaja, die Stationen
Bataisk und Welikokniashewskaja verbinden und so vermutlich einer
neuen West-Ostverbindung nach Astrachan Vorarbeiten. Der Süden
leidet ja gerade schmerzlich an Querverbindungen, während er mit
dem Innern des Reiches gut verbunden ist. Eine solche stellt auch die
neue Bahn durch das verkehrspolitisch sehr zurückgebliebene Taurien
dar. Von Zarekonstantinowka an der Jekaterinenbahn Alexandrowsk—
Wolnowacha baut die neugebildete Schwarzmeergesellschaft (Tokmak-
eisenbahn) eine Linie über Tokmak (an der Linie Tschaplino—Berdjansk)
durch das deutsche Mennonitengebiet von Halbstadt nach Fedorowka
an der großen Südbahn (124 W), die durch die ebenfalls von deutschen
Kolonistengemeinden besetzte Nogaische Steppe bis zum Hafen Skadobsk
am Schwarzen Meere (200 W) weitergeführt wird. Mit diesem Neubau
wird das alte Projekt (Cherson—) Aleschki—Nowo Alexejewka (—Ge-
nitschesk) wohl für längere "Zeit verschwinden. Endlich erhält auch die
russische Riviera der südlichen Krim durch die 1912 genehmigte Bahn
Sewastopol—Aluschta mit einer Zweigbahn nach Balaklawa einen
Schienenweg. Die von der Moskau - Kiew - Woroneshbahn seit 1910 in
Angriff genommene und vermutlich bereits 1914 vollendete Linie Bach
matsch—Wosnessensk—Odessa wird voraussichtlich einen neuen Quer-
limenanscEIüß von Wosnessensk nach Nikolajew erhalten, den die Neben