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lichkeit. Die Sache liegt heute so, daß mau eigentlich kaum jemand
in Steuersachen über den Weg trauen kann. Wenn auch nicht jeder
unehrlich ist, so kann man doch sagen, daß säst jeder den Wunsch
hat, die Steuerbehörde zu hintergehen. Dieser unmoralische Zustand
sollte unbedingt beseitigt werden. Es wäre wünschenswert, daß hin
sichtlich der Steuerangaben jeder Mensch sich der größten Wahr
haftigkeit und Gewissenhaftigkeit befleißigte. Das ist moralisch richtig
und zu wünschen, praktisch aber wohl kaum zu erreichen. Immerhin
darf wohl so viel als sicher angenommen werden, daß bei erträglichen
Steuersätzen die Angaben wahrer und gewissenhafter fein werden,
als bei derart hohen Steuerfätzen, wie wir sie gegenwärtig haben;
diese reizen allerdings, fo traurig es klingen mag, zu falschen, d. h.
niedrigeren, Angaben des Einkommens. Die Steuergesetzgebung muß
daher schon aus diesem Grunde das Bestreben haben, die Steuer
sätze möglichst erträglich zu gestalten; sonst erreicht sie, wie die Gegen
wart zeigt, das Gegenteil von dem, was sie will.
Im übrigen wird die Frage der Selbsteinschätzung uns noch
im Hauptkapitel dieser Schrift beschäftigen, so daß wir uns an dieser
Stelle auf eine kurze Andeutung beschränken können. Es sei nur
noch daran erinnert, daß auch bei Einführung der Miquelschen
Steuerreform ein ganzes Meer von Zweifeln und Bedenken auf
gestiegen ist, und daß man damals ein solches System für gänzlich
undurchführbar erklärte. Die Folgezeit hat bald bewiesen, daß die
Annahmen jenes mit wahrhaft staatsmännischem Blick begabten
Reformators nicht falsch gewesen sind. Gerade die Steuerpolitik hat
neben ihren materiellen Aufgaben auch die Pflicht, in ideeller Beziehung
als Volkserzieherin zu wirken; sie darf natürlich nicht Unmögliches
oder zu Schweres verlangen, sie muß eine der ersten Bedingungen
jeder Pädagogik erfüllen, d. h. von ihrem Zögling, in diesem Fall
der ganzen Bevölkerung, nur das fordern, was dieser ohne allzu
große Mühe, ja, vielleicht sogar mit einer gewissen Luft und Befrie
digung zu leisten vermag. Wird aber diese Voraussetzung erfüllt,
so kann es nicht ausbleiben, daß das der Bevölkerung entgegen
gebrachte Vertrauen wiederum Vertrauen erzeugt. Dieses psycho
logische Moment darf aber nicht unterschätzt werden, und wenn in
meinem Plan die freiwillige Selbsteinschätzung eine bedeutende Rolle
spielt, so halte ich gerade diesen Umstand für einen besonderen Vor
zug der ganzen Methode.