Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition. 205 
Man braucht sich nur in diese Verhältnisse etwas näher hinein- 
zudenken, um zu erkennen, welche große Kraft die Nachfrage nach 
Kapitaldisposition zur Ausnutzung dauerhafter Güter in Wirklichkeit 
hat, welche enorme Reserven von bisher unberücksichtigten, aber laten- 
ten Ansprüchen hinter den jetzt befriedigten liegen. Wer sich aber dies 
einmal vergegenwärtigt hat, der hat schon einen gewissen Einblick in 
die wirtschaftliche Notwendigkeit des Zinses gewonnen: es geht ein- 
fach nicht an, allen diesen Ansprüchen Tür und Tor zu öffnen. Hätte 
man sich in diesen Zusammenhang nur ein wenig hineingedacht, wäre 
man nie darauf verfallen, die Möglichkeit eines Verschwindens des 
Zinses ernsthaft zu erwägen. Wäre der Zinsfuß gleich Null, so würde 
die reine Nutzung dauerhafter Güter den Menschen ganz umsonst-zur 
Verfügung stehen; d. h. es müßten wohl Unterhaft und Erneuerung 
bezahlt werden, die Nutzung als solche würde aber ein freies Gut sein. 
Dies ist aber nach dem für jede Wirtschaft grundlegenden Prinzip der 
Knappheit nur für solche Güter möglich, die in Überfluß vorhanden sind. 
Wenn die Kapitaldisposition. frei zu haben wäre und man sich 
also nicht um ein Wirtschaften mit ihr zu kümmern brauchte, dann 
würde es überhaupt nicht länger eine Grenze für die Ansprüche auf 
Kapitaldisposition geben. Die Ansprüche auf dauerhafte Güter würden 
sich dann ins unermeßliche steigern. Die ursprünglichen Anlage- 
kosten würden nichts zu bedeuten haben, da sie doch nicht verzinst 
zu werden brauchten. Unter solchen Verhältnissen würden natürlich die 
phantastischsten Unternehmungen als lohnend erscheinen und die Fest- 
legung enormer Summen fordern. Es liegt aber auf der Hand, daß da- 
mit‘ die ganze Wirtschaft in falsche Bahnen hineingelenkt werden 
würde: wenn unbegrenzte Mengen von Produktivkräften der Her- 
stellung von sehr dauerhaften Anlagen gewidmet werden sollten, 
müßten diese der laufenden Bedürfnisbefriedigung in großem Umfang 
entzogen werden, und die Gesellschaft würde sich in einen Zustand 
zurückgesetzt finden, wo die Menschen unter größten Anstrengungen 
und gleichzeitig größter Not ägyptische Pyramiden zur Erbauung 
kommender Jahrtausende ausführten. 
Ein Leser mit Blick für die Realitäten des wirtschaftlichen Lebens 
wird vielleicht finden, daß es überflüssig ist, sich mit Betrachtungen 
über solche rein hypothetische Zustände aufzuhalten. Dies würde auch 
der Fall sein, wenn nicht die Leugnung der Notwendigkeit des Zinses 
eine so große Rolle in gewissen ökonomischen und sozialen Programmen 
gespielt und auch nicht selten Unterstützung seitens der Wissenschaft 
gefunden hätte. 
Wenn der Zins als Preis der Kapitaldisposition bezahlt werden muß, 
so muß dieser Zins natürlich auch in den Preisen der fertigen Produkte, 
hier also der Dienste der dauerhaften Güter, hervortreten, Die Aufgabe 
der Zinsberechnung ist aber einen Druck auf die Nachfrage nach solchen 
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