Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 5 
beginnt sich nun aber zu ändern, sobald die seelische Haltung 
der neuen Zeit sich nicht mehr bloß in feinsten psychischen 
Veränderungen und Leistungen höchster Entfaltung ausprägt, 
sondern stabiler wird und ganz über das Vergangene zu siegen 
beginnt: und damit in immer tiefere Schichten, einem kräftigen 
Gärungsmittel gleichend, vordringt. 
Der Weg, auf dem dies geschieht, hat nicht selten etwas 
Gewaltsames und insofern Mechanisches. Und der wichtigste Ver⸗ 
mittler ist dabei der Staat. Die obersten, modernsten Schichten 
entwickeln auf Grund ihrer neuen seelischen Welt auch ein neues 
Ideal des Staates und des menschlichen Zusammenlebens über⸗ 
haupt; sie versuchen es ins Leben zu rufen, und hierbei stoßen 
sie notgedrungen auf die unteren Schichten: denn erst mit 
diesen zusammen machen sie das Ganze der staatlichen Ge— 
meinschaft aus. Dabei erscheint denn ihre Tätigkeit, vom 
Standpunkte ihrer Ideale und das heißt der Evolution gegen⸗ 
über den Zuständen der unteren Schichten her betrachtet, als 
emanzipatorisch: und insofern läßt sich von Befreiungs⸗ 
vorgängen reden, die dann nicht selten auch mit all dem 
Heldentum und all den Zügen von Charaktergröße ausgestattet 
sind, die bei jeder Kollision entgegenstehender seelischer Haltungen 
und sittlicher Verschiedenheiten im Laufe menschlicher Geschicke 
hervortreten. 
Dieser Vorgang, wie er bisher in allgemeinen Zügen ge⸗ 
schildert wurde, weist nun im Verlaufe der Geschichte des 
subjektivistischen Zeitalters inuerhalb der deutschen Geschichte 
das Besondere auf, daß er sich sehr langsam abspielt. Aus 
einfachem Grunde. Die Spannung der seelischen Haltung zwischen 
den unteren gleichsam historischen und den oberen der Zukunft 
zugewandten Schichten war in diesem Falle besonders groß: diese 
Schichten gehörten in Denken und Wollen wie in Institutionen 
und Lebensgang Kulturen an, deren zeitlicher Unterschied etwa 
der von vier bis fünf Jahrhunderten war: wobei die Differenz 
im allgemeinen um so größer wurde, je weiter man sich vom 
Westen, dem alten Kulturboden des Mutterlandes, dem 
kolonisatorischen Osten näherte. Diese außerordentliche Differenz
	        
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