Full text : Aktive Währungspolitik

Wie  man  den  Geldbedarf  nicht  messen  soll.

Dieser  Sah  ist  ein  klassisches  Beispiel  sür  die  Verheerungen,  die  der
Wertglaube  selbst  in  widerstandsfähigen  Köpfen  anzurichten  vermag.  Helfferich
glaubt  an  den  Wert,  er  spricht  von  „innerem  Werte",  vom  Wertbewahrer,
von  der  Wertbeständigkeit.  Er  behauptet,  daß  „unsere  Goldwährung  in  Bezug
auf  Wertbeständigkeit"  allen  Anforderungen,  welche  an  ein  gesundes  Geld
zu  stellen  sind,  in  hervorragendem  Maße  entspricht  (s.  Helfferich,  Die  Währungsfrage, ­
  S.  38).  Und  dann  drückt  er  den  Zweifel  aus,  ob  überhaupt  jemand
km  Stande  sei,  die  Frage  zu  beantworten,  ob  die  Schwankungen  der  Warenpreise ­
  auf  Geldwertschwankungen  hinweisen!
Wie  kann  man  sich  für  die  Goldwährung  entscheiden,  so  lange  man
noch  von  solchen  Skrupeln  geplagt  wird?  Nehmen  wir  an,  Helferichs  Frage
würde  in  dem  Sinne  entschieden,  daß  die  Schwankungen  des  Diskontosatzes
Schwankungen  des  Geldwertes  (einerlei  was  darunter  verstanden  wird)  bedeuten, ­
  so  wäre  ja  die  behauptete  Wenbeständigkeit  des  Goldes  vor  aller
Augen  als  Schwindel  entlarvt  —  denn  der  Diskontosatz  ist  in  den  letzten
Fahren  von  3  auf  7 1 / 2  °/o^  also  um  das  Doppelte  gestiegen  und  gefallen.
Nehmen  wir  an,  Helfferkchs  Frage  wäre  in  dem  anderen  Sinne  beantwortet
worden,  nämlich,  daß  die  Schwankungen  der  Warenpreise  Schwankungen
des  Geldwertes  beweisen,  wo  bliebe  auch  dann  wieder  die  behauptete  Wertbeständigkeit
  des  Goldes?  (Einerlei  was  darunter  gemeint  wird.)  Denn  diese
Warenpreise  haben  in  den  letzten  Fahren  auch  um  wenigstens  25%  geschwankt. ­
  In  solche  unentwirrbare  Widersprüche  verstricken  sich  die  Wertgläubigen
  auf  Schritt  und  Tritt.  Fa  man  kann  sagen,  daß  alle  volkswirtschaftlichen ­
  Leitsätze  nur  darum  kn  Sackgassen  verlaufen,  weil  sie  von  einem  Trugbilde, ­
  dem  Wertglauben,  ausgehen.  Ehe  dieser  Wertglaube  nicht  mit  Stumpf
und  Stiel  ausgerottet  worden  ist,  ist  an  eine  vernunftgemäße  öffentliche  Verwaltung ­
  des  Geldes  nicht  zu  denken.
Die  Begriffsverwirrung,  die  sich  in  Helfferichs  Zweifel  offenbart,  wird
sinnfällig,  wenn  wir  an  Stelle  des  Wortes  „Geld"  das  beschreibende  Wort
Tauschmittel  sehen.  Wie  kann  man  bei  steigendem  Diskontosatz  von  steigendem ­
  Bedarf  an  Tauschmitteln  sprechen?  Bei  Darlehen  spricht  man  von
Diskonto,  aber  bei  Darlehen  werden  keine  Waren  getauscht.
Es  ist  aber  schon  ein  erfreulicher  Fortschritt,  daß  Helfferich  in  seinen  Betrachtungen  bis  zu
diesem  Zweifel  vorgestoßen  ist,-  andere  Wahrungstheoretiker,  die  auch  vom  sogen.  Wert  ausgehen,
werden  in  diesem  Zweifel  schon  eine  schwere  Ketzerei  erblicken.
Man  gibt  Geld  her  und  erhält  bei  Verfall  des  Darlehens  Geld  ztrrück.
Ein  Tausch  ist  das  nicht,  und  darum  ist  auch  ein  Tauschmittel  übcrstüssig.
Nehmen  wir  an,  die  Darlehen  würden  statt  in  dem  aus  Bequemlichkeit
vorgezogenen  Gelde  in  Sachgut,  etwa  Weizen,  Bier  oder  Kattun  gemacht
und  der  Zins  wäre  dementsprechend  in  Realien  zahlbar  abgemacht.  Nehmen
wir  an,  der  Zinsfuß  stiege  nun  von  drei  auf  sechs  Pfund  Weizen,  Bier
oder  Kattun  für  100  Pfund  per  Fahr,  also  auf  6%,  würde  solch  hoher
Zinfuß  auch  auf  eine  „Erhöhung  des  Geldwertes"  hindeuten?  (Einerlei  was
unter  Geldwert  zu  verstehen  ist.)
Die  Verkehrtheit  solcher  Ansichten  (natürlichen  Ausflüssen  des  Wert2 ­

  Gesell-Frankfurt

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