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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
die Reaktion von 1850 fegte sie hinweg. Einige unter ihnen, die
sich regelmäßig in einem Restaurant in Berlin trafen, hatten den
Namen „die Freien“ angenommen. Auch Marx und Engels nahmen
einige Zeit lang an diesen Versammlungen teil, ließen sie aber bald
wieder im Stich, und richteten später gegen diese Gruppe ihr Pamphlet
„die Heilige Familie“, ein ironischer Name, mit dem sie Beuno Bauer
und seine Freunde bezeichneten. Spätere liberale deutsche Yolkswirt-
schaftler, unter anderen Julius Faucheb, besuchten ebenfalls diese
Abende. Einer der regelmäßigsten Teilnehmer war Stienee, der, ohne
viel zureden, den lebhaften Debatten seiner Freunde zuhörte; damals
bereitete er das Buch vor, mit dem er sich anschickte, sie alle in
Erstaunen zu versetzen, und in dem er darlegte, daß die Kritik des
kritischsten unter ihnen noch nicht kritisch genug war.
Denn diese extremen Radikalen standen noch unter der Herr
schaft einer ganzen Reihe von Ideen, die für Stienee nichts als Phan
tome sind. Menschheit, Gesellschaft, Wahrheit, das Gute, all das
sind veraltete Abstraktionen, Fetische, die unsere eigenen Hände
geschnitzt haben, vor denen wir uns ehrfurchtsvoll verbeugen, und
deren Autorität wir demütig anerkennen, wie die Gläubigen die ihres
Gottes. Diese Abstraktionen haben aber ebensowenig Wirklichkeit,
wie die Götter des Olymps oder die Gespenster, die das kindliche
Gemüt schrecken. Die einzige Wirklichkeit ist das individuelle Ich.
Eine andere kennen wir nicht. Jedes Individuum stellt eine un
abhängige und selbständige Kraft vor. Sein einziges Gesetz ist das
seines persönlichen Interesses. Die Grenzen seiner Entwicklung
fallen mit denen seiner Interessen und seiner Kraft, zusammen. Ein
jeder Mensch muß sich sagen: „Ich will alles sein und alles haben,
was ich sein und haben kann 1 ).“ Bastiat schrieb: „Alle be
rechtigten Interessen sind harmonisch.“ Stienee erklärt: „Alle
Interessen sind berechtigt ... vorausgesetzt, sie haben die Macht.“
„Der Tiger, der Mich anfällt, hat Recht und Ich, der ihn nieder
stößt, habe auch Recht 2 ).“ „Wer die Gewalt hat, der hat — Recht;
habt Ihr jene nicht, so habt Ihr auch dieses nicht 8 ).“
Da das Ich die einzige Wirklichkeit ist, verschwinden alle an
geblichen Kollektivitäten, die mein Ich begrenzen und es in ihren
Dienst pressen -wollen, wie Staat, Familie, Gesellschaft und Nation.
Sie besitzen keinen „Leib“, keine Wirklichkeit 4 ). Sie haben über
0 Der Einzige und sein Eigentum (Verlag Otto Wiegand Leipzig,
1901, 3. Aufl.) 8. 143.
2 ) Ebenda, S. 195.
s ) Ebenda, S. 19ö.
4 ) „Du zwar bist leibhaftig, auch Du und Du, — aber Ihr zusammen seid nur
Leiber, kein Leib. Mithin hätte die einige Gesellschaft zwar Leiber zu ihrem