13
unbedingt verlangen müssen, das ist der Wille zu
helfen, und zwar nach der Dringlichkeit ist der
entscheidende Entschluss, alles andere zurückzu
stellen hinter die Aufgabe, die Hungrigen zu
sättigen, die Arbeitslosen zu stützen, die Kinder
aus dem Wohnungselend zu retten.
Warum war es möglich, in so fabelhaft kurzer
Zeit die grosse nationale Zeppelinspende zu
sammenzubringen, weil durch das Unglück der
Wille geboren wurde, zu helfen. Und dieser Wille
brachte die Hilfe. Warum war es möglich, eine
Milliarde für Wehrzwecke bereit zu stellen, weil
der Wille da war, für den Schutz des Reiches, für
die Sicherung der Grenze das zu tun, was uns als
Pflicht erschien.
Man hat bislang mit dem Pflaster Wohltätigkeit
gearbeitet, obgleich man weiss, dass es kein Heil
pflaster ist, sondern nur ein Linderungspflaster.
Es ist auch teilweise recht angenehm, weil es sich
mit angenehmen Vergnügungen, mit Bazaren, mit
Sekt, Musik und Tanz verbindet.
Der Liberalismus mit seinen Grundpfeilern der
Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, der Freiheit und
Gleichberechtigung aller Menschen muss den
festen Willen mit der Leidenschaft eines echten
Menschenherzens auf sein Pannier erheben und
handeln und arbeiten entsprechend der Dring
lichkeit der einer Lösung harrenden Aufgaben.
Dann wird garnicht die Frage entstehen können,
was tut der Liberalismus, sondern jedermann wird
es fühlen.
Entweder propagiert der Staat dem Volke den
Gedanken der Kinderbeschränkung, um eine Ver
mehrung des Proletariats zu behindern, oder aber
erlässt der Volkskraft freie Entwicklung, weilersie
wirtschaftlich und politisch braucht, und erkennt
es dann als seine erste und heiligste Pflicht an,
die arm Geborenen vor Not und Eiendzu schützen
mit allen irgend erreichbaren Mitteln. Hier ent
scheidet die Dringlichkeit, und andere Aufgaben,
die man heute vorzieht, haben in den Hintergrund
zu treten. Es handelt sich hier um Christenpflicht,
um die erste sittliche Forderung wahrhaft freier
Menschen. Hier darf der Liberalismus keinen
Kompromis dulden, er hat zu fordern, dass jeder
ehrliche Mann Farbe bekennt und sich für den
einen oder anderen Weg entscheidet. Möge der
Liberalismus doch die Kraft finden, diese Frage
zu stellen und so zu beantworten, dass kein
deutscher Arbeiter mehr zweifelnd zu fragen
braucht: „Was tut für uns der Liberalismus?“
Die Fabrikzeitung
K lagen über das geringe Interesse der Arbeiter
und zum Teil auch der Angestellten an ihrer
Arbeit, die mangelnde Anteilnahme an den
Lebensinteressen des Werkes ergehen ständig aus
industriellen Kreisen. Die Ursachen dieser Er
scheinung liegen zum Teil schon in der Aus
dehnung der neuzeitlichen Werke. Im kleinen
Betriebe spricht wohl der Meister mit seinem
Gesellender Chef mit seinem Handlungsgehilfen,
erfährt die Hilfskraft alle Sorgen des Arbeitgebers
und nimmt an ihnen teil. Wird der Betrieb
grösser, entsteht das besondere Zimmer des Arbeit
gebers, das sich von dem Arbeitsplatz in dem Grade
entfernt, als der Betrieb sich ausdehnt, dann ver
liert sich die Fühlung des Arbeitgebers mit seinen
einzelnen Mitarbeitern, und nur einige wenige
werden Vertraute, die mit dem Arbeitgeber per
sönlich in Berührung bleiben. Für alle anderen
bleiben die geschäftlichen Vorgänge und dieSorgen
des Unternehmers verborgen. Nur s wenn einmal
mangels Arbeit die Kündigungen oder Verkür
zungen der Arbeitszeit bekannt gegeben werden,
dann erhalten erst viele Kenntnis von den Schwie
rigkeiten in der Beschaffung von Arbeit, über die
man vorher kaum etwas vernommen hatte. Wenn
gleich natürlich in Rücksicht auf die Wettbewerbs
verhältnisse nicht alle Qeschäftsvorfälle den Werk
angehörigen bekannt gegeben werden können, so
bemühen sich die Industriellen doch zum Teil
schon, unter ihren Verkäufern und Vertretern das
Interesse wach zu halten und Wetteiferzu erzeugen
durch Ausgabe von Berichten über die Erfolge
der einzelnen Verkäufer. Besonders die Ame
rikaner statten diese Wochen- und Monatsberichte
mit Porträts und interessierenden Abbildungen
aus und greifen selbst zum illustrierten Extrablatt,
um den Eifer wie bei einem Wettrennen auf das
äusserste anzustacheln.
So dankbarim allgemeinen die Angestellten und
Arbeiter für jedes freundliche Wort ihres Brot
gebers sind, das für sie den Beweis eines persön
lichen Interesses bildet, so fehlt doch abgesehen
von einigen Ausnahmen im grösseren Betriebe
den leitenden Persönlichkeiten die Zeit, um sich
mit dem einzelnen Arbeiter oder Techniker über
geschäftliche Fragen zu unterhalten.
In englischen Firmen versammeln sich jährlich
in einem Hotel bei einem Staff-dinner Direktoren,
Beamte und Meister zu einer geschäftlichen Aus
sprache, zu einem lahresbericht, mit folgendem
gemeinsamen Essen und anschliessendem unter
haltenden Ende. Es ist ein Austausch von Dank
und Anerkennungsbezeigungen für das, was man
sich gegenseitig getan hat. Man bildet Hand in
Hand eine Kette und singt ein Bundeslied, man
kommt sich persönlich nahe, Mensch zu Mensch
und fühlt sich als anerkanntes Glied eines grossen
Triebwerkes. Ein Angestellter ist Präsident, der
jährlich wechselt und zu seinen Seiten sitzen dann
die Direktoren und Geschäftsinhaber.