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hunderts verselbständigte — Kant mag als Mark
stein dienen — und seither zur „Geschichtsphilo
sophie“ entwickelt hat. Und hier ist die Scheidung
deshalb nicht immer leicht, weil auch der metaphysi
scheste Philosoph gelegentlich Behauptungen auf
stellt, die nur einen empirischen, und mancher Empi
riker gelegentlich Behauptungen, die nur einen meta
physischen Sinn haben oder keinen. Das hat denn
auch die Geschichtstheorie noch mehr als die übrigen
Leistungen jener Zeit in den Ruf unwissenschaft
licher Spekulation gebracht und dazu beigetragen, sie
zu diskreditieren L Und bis heute ist das so geblieben,
ja zuzeiten noch schlimmer gewesen als im 18. Jahr
hundert. Unnötig ferner, zu sagen, daß der böse Geist
des Finalismus die sozialwissenschaftliche Arbeit
auch auf diesem Pfad verfolgte. Er ist verantwortlich
für all das Gerede von der unbeschränkten Vervoll
kommnung des Menschen im Laufe der Geschichte,
1 Das erklärt es auch, daß dann das 19. Jahrhundert jene „Ent
wicklungsgesetze“ einfach ablehnte und hinter dem bloßen Wort
schon etwas Metaphysisches vermutete. Auch hier liegt wiederum
Vermischung zweier verschiedener und scheidbarer Momente vor.
Man kann Entwicklungsgesetze, die mit „Entfaltung der Idee“ usw.
arbeiten, ruhig ablehnen und trotzdem — und in rein positivem
Sinn — das historische Geschehen auf Grund wissenschaftlicher Er
kenntnis „verstehen“ wollen, was denn u. a. auch zu Erkenntnissen
der Regeln führt, wonach sich Veränderungen vollziehen, also zu
Erkenntnissen, die man sehr wohl Entwicklungsgesetze nennen kann.
Freilich wiederum — und diese Komplikation von Ursachen ist sehr
lehrreich — geschah das letztere vielfach in so dilettantischer Weise,
daß daraus dann ein neues Argument gegen die Idee des Entwick-
lungsgesetzes erwuchs, das zwar nicht das Prinzip der Sache be
rührte, aber ganz dieselbe praktische Wirkung hatte, wie ein prin
zipielles Bedenken.