Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapital  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  219
monismus  besteht  darin,  daß  er  von  der  wirtschaftlichen  und  politischen
Revolution  unmittelbar  abstammt,  die  Frankreich  und  Europa  am  Ende
des  18.  und  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  erschütterte.  Der  Saint-Simonistische
  Sozialismus  drückt  keine  unbestimmte  Hoffnung  auf  eine
primitive  und  chimärische  Gleichheit  aus;  er  ist  im  Gegenteil  der  Ausdruck ­
  eines  jugendlichen  Enthusiasmus  für  die  neue  industrielle  Ordnung,
die  aus  den  mechanischen  Erfindungen  und  den  wissenschaftlichen  Entdeckungen ­
  geboren  ist.  Er  behauptet,  den  modernen  Geist  in  seinen
grandiosesten  Gedanken  zu  vertreten.  Er  drückt  all  die  großherzigen
Zukunftshoffnungen  der  neuen  bürgerlichen  Klassen  aus,  die  durch  die
Revolution  von  der  Vormundschaft  des  Adels  und  der  Geistlichkeit  befreit ­
  worden  waren,  und  die  die  reaktionäre  Politik  der  Restauration
in  ihrem  Vormarsch  bedroht.  Nur  geht  er  über  den  intellektuellen  Horizont
des  liberalen  Bürgertums  hinaus.  Er  ahnt  schon  die  Rolle,  die  in  der  Zuzu
  haben,  mit  dem  Tode  sühnte.  Aber  nicht  ihnen  haben  die  Saint-Simonisten  ihre
Gedanken  entnommen.  Der  Sozialismus  des  18.  Jahrhunderts  beruht  im  wesentlichen
auf  dem  Gleichheitsgedanken;  was  ihn  am  meisten  entrüstet,  sind  die  Ungleichheiten
der  Annehmlichkeiten  und  des  Wohlstandes  und  die  sozialen  Unterschiede,  für  die
er  das  Eigentum  verantwortlich  macht.  „Da  Alle  die  gleichen  Bedürfnisse  und  die
gleichen  Fähigkeiten  haben,  so  solle  es  auch  für  Alle  nur  eine  einzige  Erziehung,  eine
einzige  Nahrung  geben,“  sagt  das  Manifest  der  Gleichen  (manifeste  des  Egaux).
Pie  Saint-Simonisten  geben  aber  weder  die  Gleichheit  der  Bedürfnisse  und  noch
weniger  die  der  Fähigkeiten  zu,  und  sie  wenden  sich  ganz  besonders  gegen  jede  Verwechslung ­
  oder  Vermengung  mit  den  Anhängern  des  Landgesetzes  (loi  agraire),
*1-  h.  den  Babouvisten.  Ihr  Sozialismus,  der  sich  auf  das  Recht  an  dem  integralen
Erzeugnis  der  Arbeit  gründet,  der  die  Entlohnung  in  Übereinstimmung  mit  den  Fähigkeiten ­
  bringen  will,  ist  weder  gleichheitstrunken  noch  gleichmachend.
Was  die  sozialistischen  Ideen  ihrer  Zeitgenossen  anlangt,  die  eines  Foukier  in
Frankreich,  eines  Thompson  und  Owen  in  England,  so  scheinen  sie  sie  nicht  gekannt
zu  haben.  Enfantin  hat  die  Bücher  Fourier’s  erst  ziemlich  spät  gelesen,  als  seine
eigene  wirtschaftliche  Lehre  schon  abgeschlossen  war.  Weder  Saint-Simon,  noch
Bazard  kennen  Fourier’s  Schriften.  Wahrscheinlich  war  es  um  1829,  daß  Enfantin
Kenntnis  von  Fourier’s  Werken  erhielt,  aus  denen  er  nur  das  nahm,  was  die  freie  Liebe
und  die  Theorie  der  Leidenschaften  betraf.  Daher  sagt  Bourgin:  „Wenn  Fourier
zu  etwas  gedient  hat,  so  war  es  dazu,  die  Auflösung  des  Saint-Simonismus  zu  beschleunigen.“ ­
  (H.  Bourgin:  Fourier,  S.  419,  Paris,  1905.)  _  .
Was  die  englischen  Sozialisten  anlangt,  so  erwähnen  die  Saint-Simonisten  sie
nie.  Der  Gedanke,  daß  die  Arbeit  allein  den  Wert  begründe,  eine  Idee  Ricardo  s,  die
uen  Theorien  Thompson’s  und  Owen’s,  wie  später  der  von  Marx  als  Grundlage  dient,
bleibt  ihnen  vollständig  fremd.  Sie  hielten  die  Begriffe  „Wert,  Preis,  Produktion,  die
keine  grundlegende  Idee  über  die  Zusammensetzung  oder  die  Organisation  der  Gesellschaft ­
  erfordern“,  für  „belanglose  Einzelheiten“  (Producteur,  Bd.  IV,  S.  388).  Ihre
Kehre  ist  vor  allem  sozial,  und  nur  nebenbei  streifen  sie  die  eigentliche  Nationalökonomie.
Enpantin  unterläßt  es  nie,  Quesnay  und  seine  Schule  sorgfältig  von  Smith  und  Say
zu  trennen.  In  seinen  Augen  hat  der  erste  seinen  Arbeiten  einen  sozialen  Charakter
gegeben,  den  die  Ekonomisten  zu  Unrecht  vernachlässigt  haben.  A.  Comte  kritisiert
später  die  Volkswirtschaft  in  fast  gleichen  Ausdrücken  im  IV.  Bande  seines  Cours
Philosophie  Positive,  und  hierin  liegt  unter  vielem  anderen  ein  weiterer  Beweis
ür  das,  was  er  dem  Saint-Simonismus  verdankt.
            
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