Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  235

Der  Profit  des  Unternehmers  beruht  aber  nicht  auf  einer  Ausbeutung ­
  des  Arbeiters;  er  ist  einfach  der  Lohn  der  mit  der  Leitung  verbundenen ­
  Arbeit.  Selbstverständlich  kann  auch  der  Arbeitgeber  seine
Stellung  mißbrauchen,  um  den  Lohn  des  Arbeiters  übermäßig  herabzudrücken; ­
  in  diesem  Sinne  sagen  die  Saint-Simonisten  in  der  gleichen
Weise  wie  Sismondi,  daß  der  Arbeiter  ausgebeutet  wird.  Das  ist  aber
durchaus  keine  Notwendigkeit.  Im  Gegenteil  läßt  der  Saint-Simonismus
in  der  Industriegesellschaft  der  Zukunft  durchblicken,  daß  für  besondere
Fähigkeiten  große  Löhne  gezahlt  werden 1 ).  Und  das  ist  ein  bemerkenswerter ­
  Punkt  ihrer  Theorie.
Auch  Marx  hält  die  Ausbeutung  für  einen  organischen  Fehler
des  Kapitalismus.  Er  gibt  aber  diesem  Worte  einen  ganz  anderen  Sinn
als  die  Saint-Simonisten.  Indem  er  auf  den  englischen  Sozialisten  fußt,
sieht  er  den  Ursprung  der  Ausbeutung  in  einer  Besonderheit  des  Tausches.
'Tür  ihn  schafft  einzig  die  Arbeit  des  Handarbeiters  den  Wert  der  Produkte; ­
  infolgedessen  können  sowohl  Zinsen  wie  Profit  nur  ein  am  Arbeiter
begangener  Diebstahl  sein.  Das  Einkommen  des  Unternehmers  ist  nicht
Weniger  ungerecht  als  das  des  Kapitalisten  oder  des  Großgrundbesitzers 2 ).
Diese  letzte  Theorie  erscheint  viel  radikaler  als  die  vorhergehende,
da  sie  jedes  andere  Einkommen  als  den  Lohn  des  Arbeiters  verurteilt:
111  Wirklichkeit  steht  sie  auf  viel  schwächeren  Füßen.  Es  genügt  darzutun, ­
  daß  der  Wert  der  Erzeugnisse  nicht  von  der  Hand  geschaffen
wird,  um  das  ganze  Gebäude  Marx’  über  den  Haufen  zu  werfen.  Die
Saint-Simonisten  haben  sich  nie  mit  einer  Werttheorie  abgegeben.  Ihre
«ehr  einfache  Lehre  beruht  auf  der  offenkundigen  Unterscheidung  zwischen
dem  Einkommen  aus  Arbeit  und  dem  Einkommen  aus  Eigentum.  Diese
Unterscheidung  kann  niemand  anfechten.  Schon  Sismondi  hatte  sie
beutung  in  ihren  Beziehungen  zu  den  Eigentümern,  wenn  auch  in  einem  unvergleichlich ­
  schwächeren  Grade;  ihrerseits  wieder  haben  sie  an  den  Privilegien  der  Ausbeutung
Teil,  die  mit  ihrem  ganzen  Gewicht  auf  der  Arbeiterklasse  liegt,  d.  h.  auf  der  so  ungeheuer ­
  großen  Mehrzahl  der  Arbeitenden“  (Doctrine  de  Saint-Simon,  S.  176).
1 )  „Wir  glauben,  daß  die  Gewinne  sinken  und  die  Löhne  steigen;  doch  wir
schließen  in  das  Wort  Lohn  den  Gewinn  des  industriellen  Unternehmers  em,  da  wir
diesen  Gewinn  als  den  Preis  seiner  Arbeit  betrachten“  (Le  Producteur,  I,  S.  24o).
h>er  Aufsatz  stammt  von  Enfantin.  .  ,
2 )  Die  Verschiedenheiten  des  Wortes  „Ausbeutung“,  je  nachdem  man  sich  aut
den  Standpunkt  Sismondi’s,  der  Saint-Simonisten  oder  Marx’  stellt,  lassen  sich  wie
°lgt  ausdrücken:  1.  Für  Sismondi  wird  der  Arbeitende  in  dem  binne  ausgebeutet,
daß  man  ihm  keinen  Lohn  gibt,  der  zu  einem  menschenwürdigen.  Leben
genügt;  das  Einkommen  ohne  Arbeit  erscheint  ihm  aber  berechtigt;  2.  Für  die  Saintnnonisten
  besteht  die  Ausbeutung  darin,  daß  ein  Teil  des  materiellen  Arbeitsertrages ­
  durch  die  sozialen  Einrichtungen  zum  Profit  des  Unternehmers  entwendet ­
  wird;  3.  Für  Marx  endlich  existiert  die  Ausbeutung  in  dem  Sinn,  daß  ein  Teil
des  durch  die  Arbeit  geschaffenen  Wertes  von  den  Kapitalisten  infolge  der
sozialen  Einrichtungen  und  der  Tauschgesetze  entwendet  wird.
            
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