Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 403 
Er leugnet daher formal die These der klassischen Volks Wirtschaftler, 
nach der die Anteüe eines jeden der Teilhaber, — Lohn, Profit und Rente —, 
von Notwendigkeiten bestimmt werden, gegen die der menschliche Wille 
nichts ausrichten kann. 
Hierdurch wird die Tür sozialer Reformen geöffnet. Dies war nichts 
Geringes. Sicherlich kann man nicht sagen, daß die klassische Schule, 
oder sogar die optimistische Schule die Möglichkeit oder die Wirksamkeit 
jeder sozialen Reform leugnete. Man muß aber gestehen, daß sie nur 
die private Tätigkeit ermutigte, oder, wenn gesetzgeberische Maß 
nehmen in Betracht kommen, nur die, die darin bestehen, alte Gesetze 
abzuändern. Auf dem Kongreß der liberalen Nationalökonomen in Mainz 
im Jahre 1869 sagte Braun: „Unsere Kongresse haben viele Gegner 
ins Feld gerufen, weil wir das Prinzip aufgestellt haben, daß menschliche 
Gesetzgebung die ewigen Gesetze der Natur, die das wirtschaftliche 
Leben regieren, nicht ändern kann.“ Erklärungen dieser Art finden sich 
überreichlich in den französischen Büchern. Aber dank der Unterscheidung 
Stuart Mill’s ändert sich das Alles. Denn wenn der Gesetzgeber auch 
üen Gesetzen der Produktion ohnmächtig gegenübersteht, so hat er doch 
alle Macht, um die Gesetze der Verteilung abzuändern; und es ist unnötig, 
darauf hinzuweisen, daß gerade hier sich die Kämpfe um fast alle Forde 
rungen abspielen. 
In Wirklichkeit unterliegt die Unterscheidung, die Stuart Mill 
gemacht hat, sehr der Kritik, wenigstens insoweit die Ausdrücke, in die 
er sie gefaßt hat, in Betracht kommen, und wenn er versichert, daß dies 
»sein bedeutendster und originalster Beitrag zur Wissenschaft der Volks 
wirtschaft sei“, beurteilt er seine Verdienste schlecht. Die Produktion 
j* n d die Verteilung sind nicht getrennte Kreise. Sie gehen, und zwar 
last auf allen Punkten, ineinander über. Übrigens setzt sich Stuart Mill 
«plbst in Widerspruch mit seiner These, da, wie wir sehen werden, die 
Reformen, die er vorschlägt, Produktivgenossenschaften oder klein 
bürgerlicher Besitz, sich ebensowohl auf das Reich der Produktion als 
auf das der Verteilung erstrecken. Man kann aber vielleicht den Gedanken 
Stuart Mill’s genauer ausdrücken, wenn man seine allzu einfache Unter 
scheidung durch eine andere ersetzt, die Rodbertus ungeführ zur gleichen 
aufstellt: die der wirtschaftlichen Beziehungen und die der 
re chtlichen Beziehungen 1 ). Obgleich auch diese beiden vielfach 
miteinander verflochten sind, so versteht man doch, daß die wirtschaft 
liche Einrichtung . . . Die Gesellschaft kann die Verteilung der Güter solchen Regeln 
•Verwerfen, wie sie ihr gut dünken“ (Principles, B. II, Kap. 1, § 1). 
Man weiß, daß später Karl Marx behauptet, die Verteilung werde durchaus 
der Produktion bestimmt. 
l ) Siehe besonders die Einführung ChateLain’s zur franz.Übers, von Rodbertus: 
Uas Kapital. 
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