Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

570

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Es  ist  daher  für  die  Klarheit  der  Darlegung  besser,  in  der  hedonistischen ­
  Schule  die  Gruppe  der  Psychologen  und  die  der  Mathematiker
getrennt  zu  studieren.

§  2.  Die  psychologische  Schule.
Das  Hauptmerkmal  der  psychologischen  Schule  liegt  darin,  Alles  auf
den  Grenznutzen  zu  beziehen.  Was  ist  hierunter  zu  verstehen 1 )?
Es  ist  dies  der  Nutzen  im  Sinn  der  alten  klassischen  Ökonomisten,

!)  Der  Name  ist  je  nach  den  Schriftstellern  und  den  Ländern  ein  wenig  verschieden: ­
  Jevons  sagt:  f  i  n  all  degree  of  utility  (letzter  Nützlichkeitsgrad),  die
Amerikaner  sprechen  von  „marginal  utility“  (Randnutzen),  und  Walbas  wendet
intensite  du  dernier  besoin  satisfait  (Stärke  der  letztbefriedigten  Bedürfnisses)
an.  Es  ist  das  auch  das,  was  Walras  „rarete“  (Seltenheit)  nennt,  indem  er  dieses
Wort  in  dem  rein  subjektiven  Sinne  nimmt,  als  das  Ungenügende  einer  Menge  für  den
gegenwärtigen  Bedarf.  Gerade  der  Überfluß  dieser  Termini  deutet  auf  eine  gewisse
Nebelhaftigkeit  der  Ideen  hin.  Wenn  wir  wählen  sollten,  würde  uns  der  Ausdruck
„marginal“  (Rand  —)  klarer  als  „final“  (Grenz-)  erscheinen,  doch  ist  „final“  —  (finale)
in  Frankreich  schon  in  den  Sprachgebrauch  übergegangen.  Die  erste  Idee  des  Grenznutzen, ­
  der  die  psychologische  Schule  charakterisiert,  scheint  einem  französischen
Ingenieur,  Dopuit,  zuzusprechen  zu  sein.  (S.  auch  weiter  unten  Coup.not,  S.  578  Anm.)
Sie  wird  in  zwei  Abhandlungen  über  La  mösure  de  l ! utilit6  des  travaux  publics
(1844)  und  über  L ! utilit6  des  voies  de  Communications  (1849)  ausgesprochen,
die  beide  in  den  Annales  des  Ponts  et  Chaussees  (Jahrbüchern  derWegeverwaltung)
veröffentlicht  wurden,  deren  Bedeutung  aber  erst  viel  später  erkannt  worden  ist.  Auch
Gossen  hatte  sie  in  dem  weiter  unten  angeführten  Werk  (vgl.  S.  578  Anm.)  herausgearbeitet. ­

In  ihrer  heutigen  Form  wurde  sie  gleichzeitig  von  Stanley  Jevons  in  seiner
Theory  of  Political  Economy  (1871)  und  von  Karl  Menger  in  seinen  Grundsätzen ­
  der  Volkswirtschaftslehre  (1871)  dargelegt.  Auf  der  anderen  Seite  ist
die  Auffassung  Walras’  von  der  Seltenheit  ganz  ähnlich  und  ungefähr  gleichzeitig
(1874).  Endlich  scheint  der  amerikanische  Professor  Clark  in  seiner  Philosophy
of  Value,  obgleich  sie  etwas  später  erschienen  ist  (1881),  unmittelbar,  aber  auf  einem
anderen  Wege  zu  demselben  Gedanken  gekommen  zu  sein.  Es  ist  das  ein  bemerkenswertes ­
  Beispiel  des  übrigens  ziemlich  häufigen  Zusammentreffens  der  Entdeckungen
in  der  Geschichte  der  Ideen.
Trotz  ihrer  kosmopolitischen  Ursprünge  hat  diese  Schule  den  Namen  der  „österreichischen ­
  Schule“  erhalten,  weil  sie  in  Österreich  ihre  bedeutendsten  Vertreter  gefunden ­
  hat,  unter  denen,  außer  dem  sijhon  genannten  Professor  Karl  Menger,  der
Professor  Sax,  Das  Wesen  und  die  Aufgabe  der  Nationalökonomie  (1884),
zu  erwähnen  ist;  weiterhin:  v.  Wieser,  Der  natürliche  Wert  (1889),  und  besonders
v.  Böhm-Bawerk,  Grundzüge  der  Theorie  des  wirtschaftlichen  Güterwerts ­
  (Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  1886),  und  sein  berühmtes  Buch
über  Kapital  und  Kapitalzins.  .  ,
Man  kann  aber  sagen,  daß  heute  diese  Lehre  mehr  amerikanisch  als  österreichisch  j
geworden  ist:  die  Professoren  J.  B.  Clark,  Patten,  Irving  Fisher,  Carver,  Fetter  usw.  |
pflegen  den  „Randnutzen“  mit  Leidenschaft,  besonders  in  der  Untersuchung  der  Güter-Verteilung
  und  vor  Allem  in  der  Auffassung  von  Kapital  und  Zins.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.