Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

kommission  für  Berlin  und  die  Provinz  Brandenburg  usw.  —  den  Parteivorstand ­
  eingeladen  hatten,  um  seine  Vorschläge  zu  dieser  Angelegenheit
entgegenzunehmen.  Vom  Parteivorstand  wurde  erklärt,  daß  er  noch  keine
Zeit  gehabt  habe,  darüber  zu  beraten,  und  es  fand  ein  vorläufiger
Meinungsaustausch  statt,  bei  dem  von  Vertretern  der  Berliner  dem  Parteivorstand ­
  der  Vorwurf  gemacht  wurde,  er  wolle  die  Sache  anscheinend  auf
die  lange  Bank  schieben,  statt  sein  Versprechen  zu  halten.  Der  Parteivorstand ­
  wies  dies  als  unbegründet  zurück,  und  es  ward  auf  den  6.  Oktober
eine  Sitzung  von  Parteivorstand  und  Preßkommission  angesetzt,  die  bestimmte ­
  Vorschläge  vereinbaren  sollte.  In  dieser  Sitzung  schlug  der
Parteivorstand  vor,  zwei  Mitgliedern  der  Redaktionsmehrheit  —  Büttner
und  Kaliski  —  zu  kündigen,  den  für  radikal  bekannten  Genossen
A.  Fülle  einzustellen,  die  Redaktionsmitarbeit  Art.  Stadthagens  zu
erweitern  und  Rosa  Luxemburg  als  feste  Mitarbeiterin  für  wöchentlich
zwei  Leitartikel  anzustellen.  Den  zu  kündigenden  Redakteuren  solle  anderweitiger ­
  Ersah  geboten  oder  verschafft  werden.  Seitens  der  Preßkommission
ward  diese  Änderung  für  ungenügend  erklärt.  Es  sollten  außer  Büttner,
dem  die  früher  von  ihm  innegehabte  Stelle  als  Korrektor  anzubieten  sei,
zwei  der  stärker  am  Konflikt  beteiligten  Mitgliedern  der  Mehrheit  gekündigt
werden,  und  zwar  schlug  man  hierfür  Georg  Gradnauer  und  Heinrich
Wetzker  vor.  Der  Parteivorstand  konnte  sich  dem  nicht  gleich  anschließen,
und  es  kam  daher  an  jenem  Abend  noch  zu  keinem  bestimmten  Beschluß.
Dem  Wunsch  der  Redaktionsmehrheit,  zu  den  Beratungen  hinzugezogen
zu  werden,  ward  nicht  entsprochen,  sondern  beschlossen,  so  lange  die  Beratungen ­
  auf  die  Mitglieder  der  Komitees  zu  beschränken,  bis  diese  sich
über  die  Hauptpunkte  der  zu  treffenden  Änderungen  einig  geworden  seien.
Dieser  letztere  Beschluß  führte  zu  einem  Konflikt,  der  alsbald  in  die
Öffentlichkeit  getragen  wurde.  Ehe  die  Vorbesprechungen  noch  zu  Ende
waren,  erneuerte  die  Redaktionsmehrheit  das  Verlangen,  daß  man  sie  zu
den  Besprechungen  hinzuziehe,  und  auf  den  ablehnenden  Bescheid  erfolgte
ein  gereizter  schriftlicher  Meinungsaustausch  darüber,  ob  die  Redakteure
statutengemäß  zu  diesem  Verlangen  berechtigt  seien  oder  nicht.  Während
er  spielte,  ward  —  am  20.  Oktober  —  vom  Parteivorstand  und  den
Berliner  Komitees  der  Beschluß  gefaßt,  einfach  der  ganzen  Vorwärtsredaktion
  zu  kiindigen,  den  Gekündigten  anheimzustellen,  sich  um  Wiederanstellung ­
  zu  bewerben,  und  dann  unter  den  Bewerbern  Auslese  zu  treffen.
Den  sechs  Redakteuren  aber  —  die  anderen  vier  hatten  sich  dem  Verlangen ­
  nicht  angeschlossen  —  ward  eröffnet,  daß  ein  Rechtsanspruch,  zu
den  Beratungen  der  Komitees  hinzugezogen  zu  werden,  für  sie  nicht  bestehe ­
  und  sie  sich  daher  vorläufig  zu  bescheiden  hätten.  Zn  der  Erregung
über  diesen  Bescheid  reichten  sie  am  Abend  des  21.  Oktober  kollektiv  selbst
ihre  Kündigung  ein  und  machten  diesen  Schritt  im  politischen  Teil  der
am  folgenden  Tag  —  einen  Sonntag  —  herauskommenden  Nummer  des
„Vorwärts"  bekannt.  Dies  steigerte  die  gereizte  Stimmung  auf  der  Gegenseite, ­
  und  am  23.  Oktober  beschlossen  Parteivorstand  und  Berliner
Komitees  in  einer  Vollsitzung  nach  längerer  Debatte  mit  allen  gegen  acht
Stimmen,  die  Kündigung  kurzerhand  zu  akzeptieren.  Nun  folgende  Auseinandersetzungen ­
  im  „Vorwärts"  hatten  das  Resultat,  daß  der  Parteivorstand ­
  und  die  Preßkommission  am  Sonnabend,  den  28.  Oktober,  abends.
            
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