Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

626 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Konquistadoren gleichsam der inneren russischen Entwicklung 
und Verwaltung: bis ihnen der regelmäßige Lohn solcher 
Tätigkeit seitens der Bevormundeten und Erzogenen zu winken 
begann: Haß und Verbannung. 
Im 17. Jahrhundert aber nahm dieser Erziehungsprozeß 
insofern eine eigene Färbung an, als er vornehmlich der 
militärischen Organisation der russischen Kräfte zugute kam; 
bereits 1649 ist ein deutsches Reglement für den Dienst von 
Fußvolk ins Russische übersetzt worden. Diese Wendung ent— 
sprach einmal einer ganz regelmäßigen Erscheinung, man kann 
fast sagen einem historischen Gesetze derartiger Rezeptionen: 
jeweils die modernsten, jüngsten Errungenschaften der höheren 
Kultur werden mit besonderer Vorliebe aufgenommen: Bildung 
von stehenden Söldnerheeren, Errichtung eines miles perpetuus 
und überhaupt Experimente und Neubildungen auf dem Ge— 
biete der Heeresverfassung waren aber eine Eigentümlichkeit 
der westeuropäischen Kultur des 17. Jahrhunderts. 
Dazu kam aber auch noch ein heimisches Bedürfnis, um 
in Rußland den Einfluß der Fremden gerade auch in dieser 
Richtung in Anspruch zu nehmen. Mit der zunehmenden 
inneren Stärkung des russischen Staatswesens, mit der Be⸗ 
festigung zugleich des neuen Herrscherhauses der Romanow 
(seit 1613), trat auch der Drang nach äußerer Expansion ein, 
aund er konnte nur durch Kriege befriedigt werden. 
Indem aber Rußland so im Verlaufe des 17. Jahrhunderts 
immer mehr eine Angriffsmacht zu werden begann, ergaben 
sich für seine Vergrößerungsgelüste vornehmlich zwei Wege. 
Der eine wies nach Süden, nach der Hagia Sophia und 
Konstantinopel: dem nationalen wie dem religiösen Empfinden 
der Nation gleich heilig hat er stetigen Tendenzen der 
russischen Politik als Richtung gedient bis auf den heutigen 
Tag. Und es war zugleich der Weg, den Rußland auf sehr 
lange Zeit hin immer wieder beschreiten konnte, ohne in stärkere 
Schwierigkeiten mit Westeuropa zu geraten: denn noch war 
der Türke der gemeinsame Feind alles europäischen Wesens; 
und erst als Osterreich mehr Donaumacht wurde und England
	        
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