154 Reichswirtschaftsgerichtsrat Dr. Tschierschky:
der Kartellpolitik. Weit entscheidender war die wirtschaftliche Umwelt
selbst, die nationale wie die internationale. Der weltwirtschaftliche
Marktmechanismus ließ vor 1914 selbst bei stärkeren Zollkorrekturen
monopolistische Willkür nicht zu, mit Ausnahme ganz
weniger Industriekreise, die etwa, wie die deutsche chemische Farbenindustrie,
ein internationales, wissenschaftlich begründetes Monopol
besaßen. Es ist wichtig, diese Zwangslage der deutschen Kartelle sich
vor Augen zu halten, schon um ihre durch Krieg- und Nachkriegswirkungen
wesentlich veränderte Stellung zu begreifen, worauf wir
noch zurückzukommen haben.
Wägt man die Möglichkeiten monopolistischer Marktpolitik
zwischen Kartell und Trust ab, so liegen die wesentlich günstigeren
Chancen auf seiten letzterer Organisation. Schon der Umstand allein,
daß sie gegenüber dem stets auf zeitlichem Vertrage beruhenden Kartell
auf unbegrenzte Dauer abgestellt ist, daß sie ferner in den höheren
Formen der Fusionen und Holding-Gesellschaften durch weitgehende
Verfügungsrechte über die zusammengeschweißten Unternehmen produktions-
und absatztechnische Konkurrenzwaffen gebrauchen kann,
daß sie endlich vermöge ihrer Kapitalkräfte zur Vorbereitung eines
Monopols die Marktgegner niederkonkurrieren kann, alle diese kapitalistische
Bewegungsfreiheit verleiht ihr ein praktisch unbegrenztes
Übergewicht über die wesentlich gebundenere und schwerfälligere Kartellierung.
Denn diese hat jedenfalls in ihren Vorkriegsformen sich so
weitgehend auf eine reine absatztechnische Sicherung des Unternehmergewinnes
beschränkt, daß sie dagegen schwere Nachteile mangelnder
wirtschaftlicher Lebensfähigkeit eintauschen mußte, namentlich
auf den industriellen Gebieten, wo der ungebundene Privatkapitalismus
im In- und Auslande den technischen Fortschritt besonders zu propagieren
vermochte, Rein wirtschaftlich betrachtet hat das Kartell jedenfalls
schon vor dem Kriege wegen mangelnder wirtschaftsrationalisierender
Aktivität im Gegensatz zum Trust dem
wirtschaftlichen Fortschritt nur indirekt durch Risikoentlastung seiner
Mitglieder zu dienen vermocht, es hat gerade deswegen aber auch sehr
enge Grenzen seiner Macht gefunden.
IL
Über den Einfluß der Kriegszeit auf das Organisationswesen eingehender
zu berichten, würde dem Rahmen dieser Übersicht nicht
gerecht werden,
Als typisch kann heute bereits festgestellt werden, daß die ungeheuerliche
Zusammenpressung unserer wirtschaftlichen Hilfskräfte ein
so langes Durchhalten ohne den ausgezeichneten organisatorischen