Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 419
derartige Untersuchung, fügt er hinzu, kann nur gemacht werden, „in
dem man in enger Verbindung mit den anderen Wissenschaften des natio
nalen Lebens bleibt, hauptsächlich mit der Rechtsgeschichte, mit der
politischen Geschichte und der Geschichte der Zivilisation“. Er verwahrt
sich zugleich dagegen, der Schule Ricardo’s Opposition machen zu wollen.
»Ich bin weit davon entfernt,“ so fährt er fort, „diesen Weg als den einzigen
oder den kürzesten zu betrachten, um die Wahrheit zu erreichen; aber
ich zweifle nicht daran, daß er in besonders schöne, und fruchtbare Gegen
den führt, die, einmal aufgeschlossen, niemals wieder vollständig ver
lassen werden.“
Das, was Roscher sich hier vorsetzt, ist daher lediglich die Er
gänzung der gewöhnlichen Theorie durch eine Geschichte der Ereignisse
und der wirtschaftlichen Meinungen. In Wahrheit hat sich auch Roscher
io der Reihe der sich folgenden Bände seines Systems, die mit wachsender
Gunst von dem gebildeten Deutschland aufgenommen wurden, damit
begnügt, neben die Darlegung der klassischen Doktrinen zahlreiche
gelehrte Betrachtungen über die wirtschaftlichen Tatsachen und Ideen
der Vergangenheit zu stellen 1 ).
Roscher bezeichnete sein Unternehmen als den Versuch, die von
Savigny in die Jurisprudenz eingeführte und dort bewährte historische
Methode auf die Nationalökonomie anzuwenden 2 ). Aber die Analogie
ls t, wie Karl Menger 3 ) ganz richtig gezeigt hat, rein äußerlich. Savigny
batte die Geschichte benutzt, um den organischen und spontanen Ur
sprung der bestehenden Einrichtungen dem Verständnis näher zu bringen.
Gr wollte hierdurch ihre Berechtigung gegenüber den radikalen Anschau
ungen des reformatorischen Rationalismus, der dem 18. Jahrhundert
'■'gen war, nachweisen. Bei Roscher, der sich selbst zum Liberalismus
bekennt und seine reformatorischen Bestrebungen teilt, ist nichts Der-
ar tiges der Fall. Bei ihm dient die Geschichte besonders dazu, die wirt-
sehaftliche Theorie zu illustrieren, sie mit Beispielen zu belegen, die,
Wenn sie auch vielleicht dem Staatsmann keine Regeln vorschreiben
rönnen, doch wenigstens, wie er sich ausdrückt, geeignet sind, „den poli
tischen Sinn zu bilden“.
Richtiger kann man mit Sciimoller selbst die Bestrebungen
Uoscher’s als einen Versuch betrachten, den Unterricht der National
ökonomie an die Tradition der alten deutschen „Kameralisten des 17.
, uao seine metnoae
) Gerade dieses Urteil fallt Knies über c ; lökonom i e berichtigt“. (Die
-mehr die Geschichtsschreibung ergänzt, a s die JNation
Politische Ökonomie vom geschichtlichen Standpunkt, ,
s ) Grundriß, Vorwort S. IV—V. die Metbode der Sozial-
3 ) Karl Menger, Untersuchungen ö b konomi(j insbeson dere (Leipzig
Wissenschaften und der politischen
1-883, S. 200—209).
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