Full text: Theoretische Sozialökonomie

S 3. Die Produktion. I 
Bedürfnisbefriedigung dienenden Dienste, welche nach unserer obigen 
Begriffsbestimmung ($ 1) überhaupt als wirtschaftlich zu betrachten 
ind, müssen als produktive Tätigkeiten aufgefaßt und somit als inte- 
grierende Teile des gesamten Produktionsprozesses bezeichnet werden. 
Als produktive Tätigkeit ist demgemäß zu rechnen nicht nur die Tätig- 
eit der Landwirte und Fabrikanten und deren Arbeiter, sondern auch 
die Arbeit des häuslichen Dienstpersonals, der Schullehrer, der Ärzte 
sw. Alle nehmen sie mit ihren Leistungen am großen wirtschaftlichen 
Prozeß der Bedürfnisbefriedigung teil. Dieser Prozeß ist in Wirklich- 
keit so einheitlich, die einzelnen Glieder desselben greifen so vielfach 
ineinander ein, daß eine Ausscheidung der Dienste, die der unmittel- 
baren Bedürfnisbefriedigung dienen, in den tatsächlichen Verhältnissen 
nicht begründet erscheint. 
Die hier getroffene Bestimmung des Begriffs der Produktivität 
ist. viel umstritten worden. Nach der klassischen Nationalökonomie 
ar nur diejenige Arbeit, die sich in der Herstellung materieller Güter 
erkörpert, als produktiv zu betrachten. Alle Dienste, die sich direkt 
uf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse richten und den Kon- 
umenten ohne Vermittlung materieller Güter zugute kommen, wurden 
Is unproduktiv bezeichnet. Diese Klassifizierung ist entschieden 
u verwerfen, weil sie leicht unklare Vorstellungen von einer höheren 
irtschaftlichen Bedeutung der als „produktiv‘ bezeichneten Tätig- 
eiten erweckt. In der Tat ist die Terminologie in derjenigen Auf- 
assung begründet, nach welcher die Produktion materieller Güter der 
Ilgemeine Zweck der wirtschaftlichen Tätigkeit ist, und also Dienste, 
je in materiellen Gütern nicht verkörpert werden, höchstens als „in- 
irekt produktiv“, d. h. nur in dem Maße produktiv, in welchem sie 
je materielle Güterproduktion in zweiter Linie befördern können, zu 
ezeichnen sind. In dieser Auffassung liegt eine offenbare Verkennung 
er menschlichen Bedürfnisbefriedigung als Selbstzweck und eine wohl 
icht offen proklamierte, aber doch immer latente und die ganze Wirt- 
chaftslehre verwirrende Unterordnung der Menschen unter die mate- 
jellen Güter. Ob ein Dienst die materielle Güterproduktion fördert, 
ist nach unserer Auffassung für die Beurteilung der Frage;,.ob.er. als 
irtschaftlich und produktiv zu betrachten sei, vollständig gleichgültig; 
as wesentliche ist, daß der Dienst ein menschliches Bedürfnis direkt 
der indirekt zu befriedigen hilft. Sobald dies der Fall ist, muß er, mit 
er im $ 1 angegebenen Beschränkung, als wirtschaftlich und produktiv 
ezeichnet werden. - 
Erst in dieser Weise gelangen wir zu einer haltbaren Begrenzung 
owohl des Begriffs der Wirtschaft wie_auch desjenigen der Wirtschafts- 
ehre. Die Einwendung, daß mit einer solchen Begriffsbestimmung 
er Wirtschaft alle möglichen Disziplinen, wie z. B. Medizin, Pädagogik, 
unst usw., mit in den Bereich der Wirtschaftslehre eingezogen werden 
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl. 
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