fullscreen : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die Epochen der Technik und der Volkswirtschaft. 227

als sich begleitende, bedingende Erscheinungen. Aber im einzelnen fällt doch entfernt
nicht jeder Schritt der einen Reihe mit jedem der anderen zusammen. Es giebt Völker,
die mit hoher Technik wirtschaftlich zurückgingen, von technisch tieferstehenden überholt,
ja vernichtet wurden; Völker, die ohne gleich hohe Technik wie andere, sie an geistiger,
sittlicher und socialer Kultur übertrafen, Völker, die auch wirtschaftlich durch größeren
Fleiß, bessere sociale und politische Organisation vorankamen, ohne in der gleichen Zeit
erhebliche technische Fortschritte zu machen.
Den Beweis für die zuerst genannte allgemeine Wahrheit des Zusammenhanges
haben wir in unseren ganzen historisch-technischen Ausführungen geliefert. Die Benützung
des Feuers, die Zähmung des Viehes, die Erfindung der Werkzeuge, der Bau von
Wohnungen, vollends die moderne Maschine, die heutige Präcisionstechnik sind Stationen
auf einer ansteigenden Erziehungsbahn, welche den Menschen immer besser versorgten,
ihn aber auch denken, beobachten, die Zukunft beherrschen lehrten. Mit der höheren
Technik allein wurden zugleich die größeren, komplizierteren, arbeitsgeteilten socialen
Körper möglich. Die Organisation derselben aber, die Pflichten der einzelnen in ihnen
waren immer schwer zu finden. Und deshalb die Möglichkeit der sittlichen Entartung
bei jedem großen technischen Fortschritt, deshalb die große Frage, ob sofort oder über—
haupt allein mit der besseren Technik und dem größeren Wohlstand die vollendetere
gesellschaftliche Organisation gelinge.
Im ganzen waren gewiß die Völker mit höherer Technik nicht bloß die reicheren,
sondern auch die herrschenden, die siegreich sich ausbreitenden. Und zwar umsomehr, je
langsamer früher die Fortschritte der einzelnen sich auf andere übertrugen. Die heutige
Ausgleichung der Technik zwischen fast allen Völkern und Rassen wird schneller gehen
als je früher. Ob sie einzelnen der heute in erster Linie stehenden Völker ihren Primat
entreißt, ob bei der Konkurrenz und dem Ausgleichungsprozesse viele der unentwickelten
Rassen und Völker durch die unvermittelte Berührung mit hoher Technik leiden oder
gar zu Grunde gehen, ist schwer sicher zu prophezeien. Die höhere Technik und der
größere Wohlstand, die zunehmenden Genüsse sind etwas, was erst in langer sittlicher
Schulung an der Hand bestimmter moralisch-politischer Gesellschaftseinrichtungen ohne
Schaden erträglich und segensreich wird.
Als alleinige Ursache der volkswirtschaftlichen Organisation, der jeweiligen wirt—
schaftlichen Zustände und Institutionen wird kein geschichtlich Unterrichteter die Technik
und ihren jeweiligen Stand hinstellen wollen. Sie bildet nur ein sehr wichtiges
Mittelglied zwischen den zwei Hauptreihen der volkswirtschaftlichen Ursachen, den rein
natürlichen (Klima, physiologische Menschennatur, Flora, Fauna ꝛ⁊c.) und den geistig—
moralischen. Die drei Gruppen von Ursachen beeinflussen sich gegenseitig, aber keine
beherrscht ganz die andere. Es giebt kein höheres geistiges Leben ohne technische
Entwickelung, aber auch keine höhere Technik ohne geistige und moralische Fortschritte,
größeres Nachdenken, bessere Selbstbeherrschung.
Die volkswirtschaftliche Organisation in Familien, Gemeinden, Staaten, Unter—
nehmungen, die sociale Klafsenbildung und Arbeitsteilung ist von der Technik in gewissen
groben Ümrissen der Struktur stets bedingt. Ackerbauer und Nomaden sind notwendig
verschieden organisiert; die ältere Ackerbau- und Handwerkstechnik hat die Bauern⸗- und
Handwerkswirtschaft, die Maschinenwirtschaft den Großbetrieb, die heutige Verkehrs—
technik große Märkte und Staaten geschaffen; aber keine dieser technischen Ursachen hat
die Rasseneigenschaften der Menschen, ihre sittlichen Ideale, ihre Institutionen allein
geordnet, beeinflußt, gestaltet, sondern nur in Verbindung mit ebenso starken, selbständig
daneben stehenden psychischen Ursachen das einzelne der praktisch historischen Ausgestaltung
bvestimmt. Wie könnte sonst dieselbe oder eine ganz ähnliche Technik jederzeit so ver—
schiedene Volkswirtschaften erzeugt haben? Daß dem so sei, haben wir an verschiedenen
Stellen gezeigt.
Darum wird aber auch der Stufengang der Technik nicht allein ausreichen, um
als das allein herrschende Entwickelungsgesetz des volkswirtschaftlichen Lebens zu dienen,
obwohl in gewissem beschränkten Sinne die Stufen der Technik zugleich gewiß Stufen
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