Full text: Bevölkerungslehre

Erster geschichtlicher Teil 
allgemeinsten Sinne nichts anderes als, daß der Mensch der Natur 
mehr an Gaben abzuringen sucht, als sie ihm freiwillig darbietet. 
Freilich genügt es für unsere Zwecke nicht, nur zu wissen, daß aus 
dem Widerstreit zwischen Boden und Menschenzahl für die Mensch- 
heit Veränderungen erwachsen. Soll die folgende historische Dar- 
stellung ihrer Aufgabe gerecht werden, die Zusammenhänge zwischen 
Wirtschaft, Gesellschaft und Bevölkerung in ihrem geschichtlichen 
Verlauf aufzuzeigen, so ist es notwendig, daß wir vorher bereits 
einige der Hauptgesichtspunkte kennen lernen, auf die es dabei in 
erster Linie ankommt. 
Die geschichtliche Entwicklung hat infolge des Volkswachstums 
zu einer immer stärkeren Verdichtung der Menschheit geführt; die 
Wirkung mußte sein, daß die freiwillig von der Natur gebotenen 
Gaben immer knapper wurden. Dies konnte verschiedene Folgen haben. 
Wo das eintrat, konnten die Menschen entweder versuchen, das 
erforderliche Gleichgewicht zwischen Volkszahl und Nahrungsspiel- 
raum dadurch wieder herzustellen, daß sie nach Mitteln gegen eine 
zu starke Volksvermehrung griffen, oder daß sie den Versuch machten, 
neuen Nahrungsspielraum zu gewinnen oder den vorhandenen zu 
vergrößern. Bei dem ersten Weg handelt es sich entweder um die 
Maßnahmen zur Beschränkung der Geburtenzahl oder um die Ab- 
wanderung der überschüssigen Bevölkerung; im zweiten Falle da- 
gegen um die Schaffung neuen Nahrungsspielraumes durch Ge- 
winnung neuer Wohngebiete oder um die Erweiterung des vor- 
handenen durch intensivere wirtschaftliche Tätigkeit. Müssen wir 
doch alle wirtschaftliche Arbeit darauf zurückführen, daß der Vorrat, 
den die Natur von selbst an Mitteln zum Leben freiwillig zur Ver- 
fügung stellt, mit steigendem Bedarf in ein Mißverhältnis gerät, wie 
es vor allem dort der Fall ist, wo die Menschenzahl zunimmt. Denn 
alles Wirtschaften bezieht sich ja nur auf Dinge, die in beschränktem 
Umfang vorhanden sind. Freien Gütern gegenüber, d. h. solchen, 
die in beliebiger Menge vorhanden sind, wirtschaftet der Mensch 
nicht. Cassel hat ja dieses Prinzip der Knappheit zur Grundlage 
seines ganzen ökonomischen Systems gemacht. 
Wenn man sich diese Zusammenhänge klar macht, dann erkennt 
man die Bedeutung, die das Volkswachstum für die Entwicklung der 
Menschheit in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht haben 
kann. Allerdings begegnet man hier durchaus verschiedenen Auf- 
fassungen. Die eine sieht in dem Wachstum der Bevölkerung 
schlechthin den Hebel und die Ursache alles wirtschaftlichen und 
gesellschaftlichen Fortschritts.
	        
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