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als die Kaufkraft einer Zehnkronennote, ist äußerst unwahrscheinlich. Daran
denken auch die meisten Bürger nicht, welche Silbergeld thesaurieren. Sie
sind nur davon überzeugt, daß Silber besser als Papier ist, während doch gerade
der Silber g e h a 11 in diesem Falle das wesentliche ist. Die Tatsache, daß
der Silbergulden und das Zweikronenstück bei gleicher Kaufkraft verschiedenen
Silbergehalt haben, zeigt ja deutlich, daß jedes von ihnen — oder mindestens
eines von ihnen — Zeichengeld ist. Aber wenn auch diese Betrachtungen mit
dem Güterumsatz nichts zu tun haben und rein psychologischer Art sind, so ist
es doch zweckmäßig, sie nicht zu vernachlässigen, insbesondere dort nicht, wo
praktische Zwecke verfolgt werden. Es empfiehlt sich, Studien darüber anzu
stellen, welches silberne Zeichengeld — man könnte am besten von Silber
noten sprechen, zumal ja denkbar wäre, daß man diese Qeldsorten auch auf
dem Wege der Diskontierung emittierte — den unzureichend orientierten Kreisen,
zu denen nach den Erfahrungen in Galizien und in der Bukowina auch Beamte,
Offiziere Und andere Mitglieder der mittleren Stände gehören, am meisten
Vertrauen einflößt. In Czernowitz z. B. waren die Fünfkronenstücke wenig
beliebt, ebenso lehnte man gerne Zweikronenstücke ab, während die Silber
gulden und die Kronenstücke gerne akzeptiert wurden. Bei den Fünfkronen
stücken kann man sich dieses Verhalten vielleicht so erklären, daß die bäuer
liche Bevölkerung gerne mit Gulden rechnet, weshalb das Fünfkronenstück
für sie eine ungeeignete Rechenmünze ist. Das Zweikronenstück dagegen ist
offensichtlich kleiner als der altüberlieferte Silbergulden, der überhaupt die popu
lärste Münze in Österreich-Ungarn sein dürfte.
Diese flüchtigen Andeutungen zeigen uns, daß ein Münzenagio verschie
denes bedeuten kann. Es kann darauf hinweisen, daß viele Auslandzahlungen
zu leisten sind und die Bevölkerung Auslandsgeld dringend benötigt, es kann
aber auch darauf hinweisen, daß Mißtrauen in der Bevölkerung vorhanden ist.
Zuweilen treten beide Momente gleichzeitig in Wirksamkeit, sie hängen aber
nicht innerlich zusammen. An jeder Stelle muß zwischen dem Geld, das auf
dem öffentlichen Vertrauen und jenem, das auf seinem Metallgehalt beruht,
ein grundsätzlicher Unterschied gemacht werden, ein Unterschied, dessen Be
deutung heute wieder allgemeiner gewürdigt wird. Im Inlande ist das Zeichen
geld das eigentliche Zahlungsmittel, nicht ein bloßes Surrogat des voll
wertigen Edelmetallgeldes. Dies ist der Grund, weshalb immer mehr
Staaten daran gehen, die Inlandszirkulation durch Noten und metallisches
Zeichengeld zu befriedigen, soweit nicht Girozahlungen verwendet werden,
während man das Gold für internationale Zwecke ansammelt, um darüber in
systematischer Weise verfügen zu können. In Deutschland war man bis vor
kurzem der Ansicht, daß es sehr zweckmäßig sei, möglichst viel Gold zirkulieren
zu lassen; Beamtengehälter wurden in Gold ausgezahlt usw. Heute dagegen
ist auch dort die! Tendenz bemerkbar, die Note populär zu machen und das Gold
als Kriegs- und Krisenschatz anzuhäufen. In der Bevölkerung Deutschlands
ist das Goldgeld sehr beliebt. Man kann oft bei Postschaltern die Bemerkung
des Publikums hören: Bitte Gold. In Österreich-Ungarn dagegen sind es nur
wenige Gegenden, in denen Bedarf nach Goldmünzen besteht, insbesondere
dort, wo die Frauen Goldmünzen als eine Art Schmuck zu tragen pflegen. Sonst
werden bei Postschaltem im allgemeinen Goldstücke zurückgewiesen. Man
hat in Österreich-Ungarn eine Zeitlang geglaubt, daß es vorteilhaft wäre, wenn
viel Gold zirkulierte, und pumpte gewaltsam Gold in den Verkehr, es strömte
bald wieder zurück. So wurden von 1901 bis 1910 seitens der Notenbank
2 Milliarden Landesgoldmünzen verausgabt, von denen 1.8 Milliarden wieder
zurückströmten. Heute ist man darauf aus, das Gold möglichst zu konzentrieren.
Diejenigen, welche für eine Sättigung der Zirkulation mit Gold eintraten, hatten
die Vorstellung, daß so das Mißtrauen der Bevölkerung zurückgedrängt und
im Kriegsfall die Nachfrage nach Gold geringer sein werde. Über die kriegs
wirtschaftliche Bedeutung dieser und anderer Maßnahmen auf dem Gebiete des
Geldwesens werden wir noch mehrfach zurückkommen.