206 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
Die Ursache kann doch wohl nur die sein, daß die Höhe der Technik nicht allein die
Kraft der Völker bestimmt, ja daß große technische Fortschritte zwar zunächst die Ver—
teidigungs- und Angriffsfähigkeit sowie den Wohlstand fördern, die äußeren Mittel für
alle Kulturgebiete vermehren, aber zugleich sehr viel höhere, oft nicht sofort oder über⸗
haupt von den Betreffenden nicht erfüllbare politisch-moralische und sociale Aufgaben
stellen. Die führenden Kreise degenerieren leicht durch Habsucht und Genußsucht, die
zeführten nehmen am Fortschritt nicht teil, degenerieren durch Knechtung und harten
Druck; die Harmonie der Gesellschaft und das innere Gleichgewicht der Individuen
leidet; die höheren moralischen und geistigen, dann auch die socialen und politischen
Eigenschaften, welche für die dauernde Behauptung und Steigerung der höheren Technik
nötig wären, fehlen; die Fortschritte auf dem Gebiete der höheren, der fittlichen Zweck—
mäßigkeit werden nicht gemacht, die rechten Institutionen im Innern und nach außen
werden nicht gefunden. Innere und äußere Kämpfe zerstören die Staaten und ihren
Wohlstand trotz hoher Technik.
So wird es begreiflich, daß der ersten großen Blütezeit asiatischer Technik eine
Epoche des überwiegenden technischen Stillstandes von etwa 2500 Jahren folgte, in
welcher die Griechen und Römer, die Araber und die abendländischen Indogermanen
langsam die asiatisch-ägyptische Technik sich aneigneten, ohne zunächst schöpferisch die
Mittel und Methoden derselben wesentlich zu fördern. Und doch haben sie in anderem
Klima, auf anderem Boden mit ihrer anderen Rassen-, ihrer anderen geistig-moralifchen
Entwickelung eine höhere Staaten- und Kulturwelt, andere und bessere sociale und
volkswirtschaftliche Institutionen geschaffen, auch die Technik in ihrer Art in vielem
einzelnen und noch mehr ihre Voraussetzungen, die Förderung der Naturerkenntnis und
die Steigerung und Verbreitung der lechnischen Fertigkeiten so weiter gebildet, daß
vom 14. und 15. Jahrhundert an schon ein gewisser Aufschwung und vom Ende des
18. eine neue große schöpferische Epoche des technischen Fortschrittes eintreten konnte.
Ein gewisser Rückgang oder Stillstand der Technik war schon mit den großen
Kriegen und Eroberungen, ihren Zerstörungen, mit den großen Wanderungen uͤnd
Völkerverschiebungen gegeben, welche jedesmal vorausgehen mußten, ehe die neue
griechische, hellenistische, römische, arabische und abendländische Kulturwelt sich konsolidieren
konnte. Ein halbes, ja ein ganzes Jahrtausend brauchten die jugendlichen Völker, bis
sie nur aus wandernden Halbnomaden ohne Städte zum seßhaften Ackerbau, zur städtischen
Kultur, zum Steinbau, zu den Anfängen des Handels und Verkehrs kamen. Sie
haben teils durch ihre Stammesart und Begabung, teils durch die Wirkung ihrer
Lehrmeister diese Forischritte vielfach in sehr viel kürzerer Zeit gemacht als ihre asiatischen
Vorgänger. Andererseits hat der Volkscharakter und das Christentum, haben die großen
mitteleuropäischen agrarischen Flächen die technisch-geldwirtschaftliche Entwickelung der
nördlichen Völker gegenüber den Vorderasiaten, den Griechen und Römern verlangsamt.
Jedenfalls ist die Thatsache lehrreich, daß die sämtlichen hier zusammengefaßten Kultur—
reiche die Erben der vorderasiatischen Technik waren, daß sie auf der einen Seite in
gewissen großen Zügen eine unter sich und mit ihren Vorgängern übereinstimmende
Technik haben und auf der andern Seite eine so verschiedene Kultur und so verschiedene
sociale und volkswirtschaftliche Institutionen erzeugten.
Die Griechen empfingen von den Phönikern die Bronzewerkzeuge und gewerb—
lichen Künste, die Schrist- und die Zahlenkunde, den Stein- und den Bergbau, die
Verkehrstechnik und den Schiffsbau. In ihren rasch ausgebildeten kleinen Republiken
schufen sie eine Blüte der Kunst, der Wissenschaft, der freien Verfassungsformen, die
weit über den Leistungen des Orients stand und für alle Folgezeit die Musterbilder
der Kultur und des gesellschaftlichen Lebens wurden. In den großen hellenistischen
Reichen, die Alexander teils schuf leils vorbereitete, verschmolz griechische und afiatische
Kultur; erhebliche technische und wissenschaftliche Fortschritte knüpften sich daran an,
aber doch keine eigentliche Neugestaltung des technisch-wirtschaftlichen Lebens.
Die Römer wurden durch die Etrusker die Erben der phönikischen, durch die
unteritalischen Kolonien die der griechischen Technik. Sie haben mit ihrem praklisch—