Die wirtschaftliche Funktion und Einordnung der Kleinfamilie in die Volkswirtschaft. 247
Wir kommen specieller auf diese Gefahren und auf die socialistischen Pläne, welche
im Anschluß an diese Tendenzen überhaupt die Familienwirtschaft aus unserer gesell—
schaftlichen Verfassung hinausweisen wollen, im folgenden Paragraphen. Hier sei nur
noch ein allgemeines Wort über das schwierige Problem beigefügt, die Anforderungen
der Familienwirtschaft und der arbeitsteiligen Thätigkeit ihrer Glieder in die rechte zeit—
liche und räumliche Verbindung überhaupt zu bringen. Das Problem existierte im
patriarchalischen Haushalt, wo Wohnung und Produktionsstätte zusammenfiel, eigentlich
noch gar nicht. Da war es leicht, anzuordnen, daß jeder zur rechten Zeit bei jeder
Arbeit, jedem Zusammenwirken, auf dem Ackerfelde, beim Kirchgange, beim Essen, beim
Schlafen war; die Familienglieder sahen sich stets, kontrollierten sich stets, lebten sich
ganz ineinander ein. Die moderne Familie und ihre Wohnung ist heute gleichsam
nicht mehr ein selbständiges Ganzes, sondern ein untergeordneter Teil einer Stadt,
eines Dorfes, eines Bergwerkes, einer Großunternehmung; die Familie wohnt für sich,
oft mit einigen Dutzend anderen Familien, oft mit allen möglichen Werkstätten und
Läden, die sie nicht angehen, in einem und demselben großen Hause; sie wohnt meist an
anderer Stelle, oft sehr weit entsernt von den Berufsplätzen, wo ihre Glieder arbeiten.
Sie sendet dieselben in die Schule, in die Fabrik, ins Bureau, auf die Acker- und
Waldarbeit. Alle diese verschiedenen Thätigkeiten liegen örtlich zerstreut, oft weit aus—
einander; jede hat für sich eine eigenartige Zeiteinteilung, kümmert sich um die der
Familienwirtschaft und der anderen Organe nicht. Jedes derselben verfolgt einseitig
seine Zwecke; und doch ist das zu verwendende Personenmaterial allen gemeinsam; es
ist oft unmöglich, daß es zugleich allen den widersprechenden Aufgaben ohne Konflikte
und Reibungen nachkomme. Der Unternehmung wird oftmals Nacht- und Sonntags—
arbeit frommen, die Familie wird dadurch geschädigt. Die ganze räumliche Anordnung
der Wohnungen, der Arbeitsstätten, der Schulen ꝛc., die ganze Zeiteinteilung, die
gesamten Geschäfts- und sonstigen Ordnungen, die sich die einzelnen Organisationen
geben, müssen eigentlich ineinander gepaßt sein, ein harmonisches Ganze ausmachen,
wenn die Gesellschaft gedeihen, die Unternehmungen und die Familien nicht geschädigt
werden sollen. Die Bautechnik, Verkehrs- und Wohnungsversassung unserer großen
Städte und Fabrikorte ist dem freilich unendlich schwierigen Problem trotz der zahlreichsten
Anläufe noch entfernt nicht ganz gerecht geworden, alle Werkstätten, alle Schulen, alle
Wohnungen so zu legen, ihre Lebensordnungen so zu gestalten, daß die Mitglieder
derselben Familie sich so oft als nötig zusammenfinden können, daß die Unerwachsenen
stets unter der rechten Kontrolle stehen. Die rechten Kompromisse zwischen den Erziehungs-,
Produktions- und Familieninteressen, die neuen Ordnungen des gemeinsamen Zusammen—⸗
wirkens können erst in langen Kämpfen und Erfahrungen gewonnen werden. Nur sitt⸗
lich und intellektuell höher stehende Menschen sind den schwieriger gewordenen Aufgaben
überhaupt gewachsen. Daher die allgemeinen Klagen über ungesunde, unglückliche
Familienverhältnisse, die im Altertume wie in der Neuzeit überall sich erheben, wo
große Scheidungsprozeß zwischen der Familienwirtschaft und den anderen neuen Organen
einsetzte. Einer der beredtesten Ankläger unserer Zeit in dieser Richtung ist Le Play.
Aber wenn er die mangelnde Stabilität des heutigen Familienlebens beklagt, wenn er
schildert, daß die Kinder heute meist nicht werden, was die Eltern waren, deren Geschäfte
nicht fortsetzen, wenn er die Schäden berechnet, die solches Abbrechen und Neugründen
der Familienwirtschaft habe, so hat er mit seinen Klagen über die Auflöfung der alten
sittlichen Zusammenhänge gewiß nicht Unrecht, aber er vergißt, daß die heutige kleine
Familie nicht mehr ein so stabiles, so allseitiges Produktionsorgan sein kann, wenn
man unsere heutige Technik und Volkswirtschaft überhaupt zuläßt, daß Schule,
Vereinsleben und anderes teilweise dem Individuum ersetzen, was die Familie nicht
mehr bieten kann, daß das tyrannische Joch der älteren Hausgenossenschaft nicht
bloß Liebe erzeugte, daß die Auflösung sympathischer Bande zwischen entfernteren
Familiengliedern nur dann unbedingt zu beklagen ist, wenn auch zwischen Mann
und Frau, zwischen Eltern und Kindern die Sympathie und Ausopferungsfähigkeit
aufhörte, und wenn für die schwindenden Verwandtschaftsbande nicht andere neue der